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Stuttgart Ost – Ein Viertel des Widerstands

Ein kurzer Abriss der Geschichte von Stuttgart Ost

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Stuttgart Ostheim in einer Buchillustration 1896

Der Stuttgarter Osten steht vor einem grundlegenden Wandel: Wohnraum soll Geschäftsräumen weichen, Häuser werden zu Gunsten von Einkaufszentren abgerissen und Einzelhandelsunternehmen weichen großen Ketten, auf alternative Räumlichkeiten/Angebote wird Druck ausgeübt, letztlich soll der Stuttgarter Osten zu einem schicken stadtnahen Viertel gemacht werden.
Damit einher gehen natürlich steigende Mieten und die Vertreibung von Menschen, die sich die Mieten nicht leisten können.Angesichts der bevorstehenden vermeintlichen „Aufwertung“ des Viertels, die auf Kosten des Großteils der Bevölkerung gehen wird, möchten wir mit einem Blick auf die widerständische Geschichte des Stadtviertels ein Stück dazu beitragen, die oft vergessene und verschüttete Geschichte offen zu legen, um auch zukünftig den rebellischen Charakter von Stuttgart Ost aufrecht zu erhalten.

Die Geschichte von Stuttgart Ost (1)

Vor dem Hintergrund der industriellen Revolution und der wachsenden Bevölkerungszahlen, die v.a. in den Städten durch den massiven Zuzug vom Land zu explodieren schienen, wurde der Wohnraum zunehmend knapper. Der „Verein zum Wohl der arbeitenden Klasse“, der durch einige Wandlungen zum heutigen „Bau und Wohnungsverein e.V.“ geworden ist, mit seinem Vorsitzenden Eduard Pfeiffer, kaufte Ende des 19. Jahrhunderts aus diesem Grund das Gelände zwischen Berg und Gaisburg um dort Wohnungen für ArbeiterInnen in Stadtnähe und doch außerhalb der Stadt zu errichten.
Der Spatenstich zum Bau von Ostheim erfolgte schließlich 1889. Bis 1901 sollten in diesem Gebiet knapp 1300 Wohnungen entstehen, die es den ArbeiterInnen ermöglichen sollten in der Nähe ihres Arbeitsplatzes und doch im Grünen zu wohnen. Die Lage der Siedlung bot sich dahingehend an, dass es sowohl zum Hafen, als auch zur Industrie in der Innenstadt nur ein Katzensprung war und somit die Mitte zwischen zweier industrieller Zentren der Stadt darstellte.

In den folgenden Jahren weitete sich die Siedlung weiter aus, da auch private Investoren die Lage erkannten und durch den Anschluss Gaisburgs an Stuttgart auch weitere Gelände zur Bebauung genutzt werden konnten.

Schnell siedelte sich auch Industrie unterschiedlichster Art im Osten an: Ein Ziegeleibetrieb im Staibenäcker, der sich bis zur Haußmannstr erstreckte, eine Zigarrenfabrik, eine Schokoladenfabrik usw. Bereits 1901 kam dazu eine Straßenbahnlinie und die Straßenbahn errichtete 1910 ein Depot im Stuttgarter Osten, auf dessen Gelände sich heute das Jugendhaus befindet.

Durch die wachsende Industrie und den zuziehenden Arbeiterfamilien entwickelte sich der Osten im Gegensatz zu Berglagen wie Killesberg oder Weinsteige, den eher reicheren Wohngegenden, zu einem Sammelpunkt für die arbeitende Klasse: Arbeiterinnen und Arbeiter in Fabriken, Wäschereien, am Hafen, bei der Bahn… etc.

Widerstand

Mit der raschen Entwicklung der Industrie und dem zunehmenden Arbeitsdruck entstanden bundesweit, und somit auch im Stuttgarter Osten Organisationen für Arbeiterinnen und Arbeiter. Über die Jahre sollte sich der Stuttgarter Osten zunehmend zum „Roten Osten“ entwickeln.
Bereits 1881 gründete sich in Stuttgart der sozialistische J.H.W.-Dietz-Verlag. Offiziell gründete sich 1890 im Stuttgarter Osten der „Sozialdemokratische Verein“ – nachdem das im Zuge der Sozialistengesetze verhängte Verbot der SPD aufgehoben worden war.
Im Jahr 1907 organisierte der Verein dann den ersten „Internationalen Sozialistenkongress“ in Deutschland. An dem Kongress nahmen alle sozialistischen Parteien der Welt teil.

Das Waldheim Gaisburg 1920Zu etwa dieser Zeit entstanden in Stuttgart die Waldheime (2), die als „Erholungs- und Veranstaltungsorte mit Gaststättenbetrieb“ geplant waren. 1911 entstand dann unter tatkräftiger Mithilfe des sozialdemokratischen Vereins im Stuttgarter Osten das Waldheim Gaisburg, das „als Selbsthilfeorganisation der Arbeiterfamilien und der Arbeiterbewegung“ dienen sollte.

Die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten am 4. August 1914 führte zu einer Spaltung der sozialistischen Bewegung. Zwischen denen die zur „Vaterlandsverteidigung“ den Krieg und das unendliche Leid guthießen und denen die weiterhin an den sozialistischen Inhalten festhielten und sich von der Partei trennten.(3)
Die SPD in Stuttgart-Ost hielt weiterhin am Sozialismus fest und ihre Mitglieder fanden sich schließlich 1918/1919 in der KPD wieder: Das Waldheim Gaisburg wurde ab diesem Zeitpunkt von der KPD verwaltet und der Einfluss der SPD sank zunehmend.

Novemberrevolution
Angesichts des langandauernden Kriegs, des damit verbundenen Hungers und Elends der Bevölkerung setzte sich im gesamten Deutschland ein revolutionärer Elan frei, was zur Novemberrevolution 1918/1919 führte.
Der Elan, der natürlich auch auf Stuttgart überging, zeigte sich in Massenversammlungen und dem Versuch soziale und politische Verbesserungen zu erkämpfen bzw. vor Angriffen seitens der SPD, die damit offensichtlich die Seite der Barrikade gewechselt hatten, zu verteidigen. In Stuttgart kam es zu Massendemonstrationen, Auseinandersetzungen zwischen Polizei und DemonstrantInnen und schließlich zu einem Aufstandsversuch Anfang 1919, der die korrumpierte Regierung der SPD stürzen sollte.

Tausende von Menschen folgten den zahlreichen Aufrufen sich am Ostendplatz zu treffen und gemeinsam in die Stadt zu ziehen, um sich dort mit anderen Demonstrationszügen zu treffen.

Im Auftrag der herrschenden SPD schlug die Polizei die Versammlungen blutig nieder und einige Menschen starben. Im Januar 1919 starb während den Auseinandersetzungen bei einem Aufstandsversuch der 17-jährige Kommunist Karl Fetzer. Er wurde bei einer großen Beerdigung auf dem Bergfriedhof beigesetzt.

In den nächsten Jahren verbreitete sich das Elend und die Not der Bevölkerung enorm: Arbeitslose mussten durch die Straßen wandern und um Brot oder Geld betteln und Hunger war an der Tagesordnung der meisten Arbeiterfamilien. Dies führte zu zahlreichen Auseinandersetzungen, die oftmals mit harter Repression begenet wurden. So kam es 1923 zu großangelegte Razzien v.a. gegen Mitglieder der KPD.

Der Stuttgarter Osten blieb dabei immer ein Treffpunkt für verschiedene Widerstandsgruppen Bald gab es eine Sektion des Rot Front Kämpferbundes(4) und es gründeten sich die Schwarzen Rebellen(5), die militant gegen faschistische Kräfte vorgingen und den Selbstschutz der arbeitenden Klasse organisierten.

Ein wichtiger Treffpunkt des Widerstands im Osten war das Gasthaus „Volksgarten“ direkt am Ostendplatz. Der Volksgarten diente sowohl als sozialer, als auch als politischer Treffpunkt. So trafen dort sich viele Arbeiter und Arbeiterinnen, um zu diskutieren, aber oft wurde der Volksgarten selbst zum Schauplatz von Auseinandersetzungen.

Ein Schriftzug zur Mobilisierung für den 1. Mai auf dem Schornstein einer Fabrik in Stuttgart 1929.
Ein Schriftzug zur Mobilisierung für den 1. Mai auf dem Schornstein einer Fabrik in Stuttgart 1929.
Auch am 1. Mai diente der Ostendplatz als zentraler Treffpunkt, um zuerst gemeinsam in die Stadtmitte zu ziehen und danach im Waldheim Gaisburg den 1. Mai ausklingen zu lassen.

Widerstand gegen den Faschismus

Aktionen der Ost-Bevölkerung gegen die Faschisten fanden auf verschiedene Weise Ausdruck. So fand z.B. im Februar 33 das „Kabelattentat“ in der Werderstr. 5 statt, bei dem die Propaganda-Rede Hitlers in der dortigen Stadthalle durch das Zerschneiden eines Kabels verhindert werden konnte. Die Rede sollte zum ersten Mal über den Rundfunk übertragen werden. Durch das „Kabelattentat“ wurde die Übertragung verhindert.

Neben solch direkten Aktionen, wurde auch der antifaschistische Selbstschutz im Osten versucht zu organisieren. So kam es häufig zu blutigen und auch tödlichen Zusammenstößen von Faschistentrupps mit dem RFB, den schwarzen Scharen und auch Einzelpersonen. Unter erschwerten Umständen wurde Literatur geschmuggelt.

Neben dem sozialistischen Dietzverlag, der natürlich sehr viel weniger fortschrittliche und von den Faschisten verbannte Literatur vertreiben konnte, organisierten nun vorallem die Gruppe G und Schlotterbeck die Verbreiterung von antifaschistischer Literatur. Demzufolge, also der Konzentrierung von Widerstandsgruppen im Osten, dem Widerstandspotenzial im Osten und durch einen hohen jüdischen Arbeiteranteil, wurde der Osten Schauplatz von Deportationen und Hinrichtungen. Heute nimmt man davon leider nur durch sehr kleine Stolpersteine Notiz.

Nach dem Krieg

Auch nach dem Krieg, ist dem Osten eindeutig abzulesen, welche Auseinandersetzungen um die Unterbringung der arbeitenden Klasse stattfinden, aber auch wie ungestört die Abschottung der Herschenden hier vor sich geht. Vom platzsparenden, wirtschaftsantreibenden und scheinbar sozialen Wohnungsbau Industrieller zu Beginn des 19.Jh. (Pfeiffer) bis hin zur teilweise menschenverachtenden Unterbringungspolitik von Sozialamt und SWSG heutzutage, sind die Verhältnisse ähnlich geblieben. So ist heute noch das soziale Gefälle geographisch am Osten abzulesen. Zu Kriegszeiten und auch davor wurden in Raitelsberg „Fremdarbeiter“ (Nazibegriff für versklavte Menschen, vor allem aus Osteuropa) untergebracht, die bei nahezu keinem Lohn die Kriegswirtschaft antreiben sollten, während den Berg weiter hoch, also Richtung Bubenbad SS-Offiziere und Großindustrielle in Villen wohnten. Betrachten wir den Osten heute, zeichnet sich ein ähnliches Bild: Senatoren, Daimler- und Boschvorstände wohnen an den horizontreichen Höhenlagen, wo heute noch Straßen nach SS-Offizieren benannt sind (Sandbergerstr), während gleichzeitig Arbeitende, aber auch zugezogene, sogenannte GastarbeiterInnen in Industrienähe, aber mit wenig wahrem Lebensraum zwischen ungenutzten Spielplätzen und leerstehenden Läden und Wohnungen sozialer Verwahrlosung überlassen sind. Im Vergleich zu anderen prekarisierten Stadtteilen gibt es viele soziale und kulturelle Einrichtungen, die von den Menschen selbst getragen und organisiert, manchmal auch unter erheblichem Gegendruck von Polizei und Behörden doch durchgesetzt werden konnten. Dies zeigt sich einerseits an den noch vorhandenen, aber schwindenden Einrichtungen, wie dem Waldheim Gaisburg, dem Kulturwerk, der AWO, dem Laboratorium aber auch an zahlreichen Hilfegruppen, Werkstätten und Veranstaltungsorte für Kinder, Frauen, Arbeitslose und Behinderte. Aber auch viele Kleinkünstler und migrantische Vereine, die im Osten ansässig sind, prägen den Charakter und das Stadtbild des Osten auf sympathische und eigenständige Art und Weise…

Wir möchten den heutigen Osten mit seiner Geschichte und seinen Bewohnern kennenlernen und begreifen, um dadurch den Stadtteil nach den Bedürfnissen aller, entgegen den vorherrschenden instituionalisierten Angeboten selbstverwaltet und eigenständig gestalten. Ein Teil muss die Aufrechterhaltung und Schaffung kultureller, sozialer und politischer Orte sein, die von allen mitgestaltet werden.
Bereits in Planung sind Spaziergänge zu historischen Widerstandsorten im Stuttgarter Osten.

Über Anregungen und Kritik freuen wir uns:
zk-stuttgart@riseup.net

1 Stuttgart-Ost setzt sich aus vielen einzelnen Siedlungen (darunter: Stöckach, Berg, Gablenberg, Gaisburg…) zusammen, die erst spät (1901) zu dem Stuttgarter Osten zusammenflossen. Wir möchten uns auf die Entwicklung des Kerns des Ostens konzentrieren: Auf die Siedlung Ostheim.
2 Dazu gehören die Waldheime in Sillenbuch, in Gaisburg und in Heslach
3 Die endültige Trennung ging erst später vor sich: Erst 1917 gründete sich die USPD als eigenständige politische Kraft. Doch in den Jahren 1914 bis 1917 gab es Fraktionen und Gruppierungen innerhalb und außerhalb der SPD, die sich gegen die Kriegspolitik der SPD stellten.
4 Eine Selbstschutzorganisation der KPD, die dafür ins Leben gerufen wurde gegen die zunehmende Unterdrückung und gegen die faschistische Aggression vorzugehen
5 Die Schwarzen Rebellen waren eine anarchistische Selbstschutzorganisation gegen faschistische und kapitalistische Aggression

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