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Clemens Tönnies – Musterbeispiel eines Kapitalisten

von lowerclassmag

In dem Film „Brazil“, einem dystopischen Meisterwerk des Regisseurs Terry Gilliam, einziger US-Amerikaner in der legendären Komikertruppe Monty Python, gibt es eine wunderbare Szene. Der freischaffende Installateur Harry Tuttle, eine Art Widerstandskämpfer in einem Überwachungsstaat, sabotiert zwei Kollegen der „Central Services“, die einzig zur Rundumversorgung der Bürger*innen befugt sind. Er schließt die Sauerstoffschläuche ihrer Monturen, die Astronautenanzügen ähneln, an die Abwasserleitung des Gebäudes an. Langsam, aber unaufhaltsam laufen die Anzüge mit Scheiße voll.

Eine drastische Szene, aber genau die fiel mir ein, als ich jetzt über den Zustand dieser Gesellschaft nachdachte. Und beim zweiten Hinsehen wurde mir klar, dass die Filmszene eigentlich ein gutes Bild abgibt für das, was in diesem Sommer 2019 in diesem Land geschieht. Ob es die so genannten sozialen Netzwerke sind, die Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder die Kommentarspalten bürgerlicher Blätter – die braune Scheiße steigt und steigt.

Rechte Hetze floriert in Zeiten kapitalistischen Zerfalls. Was der Milliardär Clemens Tönnies, bekannt als Aufsichtsratschef des Fußballbundesligisten Schalke 04, am 1. August in Paderborn beim „Tag des Handwerks“ von sich gegeben hat, sticht inhaltlich da nicht besonders heraus. Bemerkenswert ist vor allem, wer hier rassistischen Müll von sich gegeben hat, wo er das getan hat und wie die Reaktionen danach ausfielen.

Den Satz, der wochenlang für Diskussionen sorgte, hat Tönnies in einer Rede vor rund 1600 Zuhörern gesagt, vor Honoratioren, den „Spitzen der Gesellschaft“ in der Region. Das Zitat ist oft wiederholt worden, ist aber wert, noch einmal wörtlich aufgeführt zu werden. Der Redner wandte sich gegen eine Klimasteuer und ergänzte, sinnvoller für die Begrenzung des Klimawandels wäre es, in Afrika 20 Kraftwerken zu finanzieren. Denn: „Dann würden Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

Das ist auf eine so widerliche Art rassistisch, dass sich jede Relativierung verbietet. Nichtsdestotrotz eilten diverse Kumpel aus Sport und Politik herbei, um dem Milliardär angesichts des hereinbrechenden Shitstorms beizustehen, etwa der frühere Schalke-Trainer Huub Stevens, Ex-Bundesligatrainer Otto Rehagel und der SPD-Rechte Sigmar Gabriel. Sinngemäß stimmten die drei darin überein, dass Tönnies alles andere als ein Rassist ist, ihm der Satz quasi rausgerutscht sei und er sich schließlich entschuldigt habe. Schwamm drüber!

Wenn ein Mann, der so in der Öffentlichkeit steht, eine vorbereitete Rede vor einem so großen Auditorium hält, ist das eine schwache Einlassung. Was der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer am 10. August in einem Gastbeitrag für Spiegel online über den Vorgang geschrieben hat, ist näher an der Wahrheit. Bemerkenswert war allein, dass der Wissenschaftler, der den Begriff der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ entwickelt hat, sich überhaupt öffentlich äußerte.

„Herrn Tönnies, Fleisch-Milliardär und Aufsichtsratsvorsitzender des Bundesligavereins Schalke 04, gilt ein gewisser Dank“, schreibt Heitmeyer. Ihm gelinge vor der Kulisse von etwa 1600 geladenen Gästen „mit einem Satz die Selbstentlarvung von Eliten. Selbstentlarvung als unkontrollierte Aufdeckung verdeckter Denkmuster. Und überall sind Herren am Werk.“ Der Soziologe weist auf eine Formulierung in der Tönnies-Äußerung hin, auf das Wort „produzieren”: Klarer könne „eine Selbstentlarvung, man kann auch sagen Selbst-Demaskierung, von Eliten“ nicht gelingen. „Es ist eine Signatur, also eine Einkerbung in der öffentlichen Debatte, die nicht vergehen wird.“

Heitmeyer widerspricht allen Versuchen der Relativierung und analysiert die durchaus verheerenden Folgen derartiger Äußerungen. Es seien Wirkungen in die Gesellschaft hinein, „wenn Herreneliten damit – erstens – zu einer Verschiebung von bisher geltenden Normalitätsstandards beitragen, also zu einer Normalisierung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung.“ Solche Positionierungen lieferten „Legitimationen für politische Attacken etwa des autoritären Nationalradikalismus der AfD mit ihren Ausgrenzungsstrategien“.

Daraus könnten auch gewaltbereite Gruppen ihre Legitimationen schöpfen – ohne dass deren Taten dem Urheber der genannten Markierung von Afrikanern juristisch zuzurechnen wären. Aber die Äußerung kommt aus einem Elitekreis und wirkt damit legitimierend. So werde „ein Eskalationskontinuum“ immer wieder neu angetrieben. „Kapitalgetriebene Macht zertrümmert wieder einmal basale Grundwerte, nämlich die Gleichwertigkeit von Menschen.“

Was Heitmeyer nicht erwähnt, was meines Erachtens in der öffentlichen Debatte nach der Rede viel zu kurz kam, ist der Umstand, dass es doch überhaupt kein Zufall ist, wer sich da so rassistisch äußerte. Metzger-Sohn Clemens Tönnies ist reich geworden als Miteigentümer eines der größten Fleischkonzerne Europas, der Tönnies-Gruppe. Er ist mitverantwortlich für millionenfaches Leid von Tieren, die in Massentierhaltung dahin vegetieren. Und für Elend und Not von osteuropäischen Leiharbeitern, die in den Schlachtbetrieben gnadenlos ausgebeutet werden.

Kann es da verwundern, dass Tönnies mit der Attitüde eines weißen Herrenmenschen auftritt?! Wer so mit Menschen und Tieren umgeht, der verroht eben mit der Zeit oder ist schon verroht gewesen. Der Lengericher Pfarrer Peter Kossen, ein bekannter Kritiker der Schlachtbranche, umschrieb die Zustände dort Anfang des Jahres in einer Rede so: „Die Fleischindustrie behandelt im großen Stil Arbeitsmigranten wie Maschinen, die man bei externen Dienstleistern anmietet, benutzt und nach Verschleiß austauscht… Ein Sumpf von kriminellen Subunternehmern und dubiosen Leiharbeitsfirmen wird genutzt, um Lohnkosten zu drücken und Unternehmer-Verantwortung abzuwälzen. Wer mit Kriminellen Geschäfte macht, ist selbst kriminell. Wer sich die Mafia zunutze macht, ist Mafia!“

# Kristian Stemmler

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