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Adana vs. Livorno: Linke Verbrüderung gegen Polizeigewalt und Solidarität mit Güler Zere

Polizeiübergriffe bei einem Freundschaftsspiel zwischen dem türkischen Zweitligisten Adana Demirspor und dem AS Livorno.

Der italienische Erstligaclub aus der Geburtsstadt des kommunistischen Vordenkers und Revolutionärs Antonio Gramci, war am 4. September mit einigen Fans nach Adana gekommen um dort ein kleines Fußballfest zu feiern. Der Abend wurde zu einer Fandemonstration der besonderen Art über die sich die türkischen Medien lieber ausschwiegen. Der AS Livorno, europaweit bekannt durch seine linksradikal geprägte Fankultur traf so ausgerechnet in der Türkei auf Fans der Gastgeber, die ihnen in Punkto Fankultur und Engagement um nichts nachstanden. Fans beider Lager sangen schon beim Auflaufen der Mannschaften gemeinsam „Bella Ciao“ und schwenkten cubanische Flaggen und Che-Doppelhalter in ihren Fankurven.
Die Fanszene von Adana Demirspor, ein traditionsreicher Eisenbahnerclub, der insgesamt 17 Jahre in der türkischen Süper Liga spielte, und sich zur Zeit redlich bemüht an diese vergangenen Zeiten anzuknüpfen, ist wie die ganze Stadt multiethnisch geprägt. So solidarisierten sie sich nach der Ermordung des armenischen Schriftstellers Hrant Dink mit ihren armenischen Mitbürgern und legten sich bei einem Ligaspiel in Trabzon mit deren rechten Fans an, die den Mörder Dinks als Sohn der Stadt feierten. Aber auch in ihnrem Heimstadion gingen sie immer wieder auf Konfrontationskurs mit lokalen Funktionären der rechtsnationalistischen MHP. Als der Armeemajor und MHP-Parteigänger an diesem Abend im Stadion seinen Platz einnehmen wollte, wurde er aus der Kurve heraus als Faschistenknecht geoutet und mit Schmährufen überzogen. Nach anfänglichen verbalen Scharmützeln mit dem Securitypersonal einer Privatfirma, das sich merklich zurückhielt eskalierte die Situation als eine Fangruppe mit dem programmatischen Namen „October Youth“ ein Banner mit der Parole „Güler Zere muss nicht sterben – Freiheit für Güler Zere“ öffneten.
Eine Solidaritätsbotschaft an die krebskranke politische Gefangene, die trotz ihres lebensbedrohlichen Zustand in Haft gehalten wird. In den letzten Wochen gab es in der Türkei, aber auch in anderen Städten Europas Mahnwachen, Demonstrationen und andere Aktionen für ihre Freilassung und gegen die abwartende Haltung der Justiz, die trotz mehrfachen Gerichtsterminen immer noch keine abschließende Entscheidung über ihren weiteren Verbleib getroffen hat.
Ebenfalls anwesende Polizeikräfte forderten die Fangruppe zum Einklappen ihres Banners auf. Als dem nicht nachgekommen wurde setzten reguläre Polizei und Riotcops, wie es sie mittlerweile in fast allen Stadien Europas und der Türkei gibt Schlagstöcke und Tränengas gegen die Demirspor-Fans ein. Drei Fans wurden festgenommen, mehrere verletzt. Einer von ihnen berichtete später, dass ihm in Haft weitere Prügel angedroht wurden, wenn er nichts über die Hintermänner der Aktion preisgebe.
Nach dem Ende des Spiels sangen beide Fanlager zusammen Revolutionslieder und verbrüderten sich öffentlich. Das Spiel endete übrigens ganz unspektakulär 0:0. Für die Stimmung und Kampf waren an diesem Abend die befreundeten Fangruppen zuständig. „Schulter an Schulter gegen den Faschismus“ wie es mehrfach von den Tribünen hallte.

Von Carsten Ondreka, erweiterte junge Welt-Artikel vom 8.9.

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