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Wir flehten, die Verwundeten zu versorgen

Verzweifelte Passagiere; Angehörige, die ihre Tote beweinen; Soldaten, die Verwundeten die medizinische Versorgung verweigern und Gefangene sexuell belästigen: Aus dem Hausarrest berichtet die Mitorganisatorin der Free-Gaza-Flotille Lubna Masarwa von den tragischen Stunden und Tagen infolge des israelische Angriffes auf Menschenrechsaktivisten im Mittelmeer.

„Wir waren auf dem Weg nach Gaza, um die Belagerung, die Israel über eineinhalb Millionen Menschen für die letzten vier Jahre verhängt hat, zu durchbrechen. Wir hatten humanitäre Güter und Baumaterialien geladen sowie Briefe von türkischen Kindern an die Kinder Gazas“ berichtet Lubna Masarwa aus ihrem Hausarrest im palästinensischen Kfor Qara. „Wir waren voll der Hoffnung“, sagt sie, bis schließlich am 31. Mai 2010 die israelische Marine das türkische Hilfschiff Mavi Marmara in „ein militärisches Ziel verwandelte“, neun Menschen tötete und Dutzende teils schwer verwundete.

„Blut strömte aus den Körpern der Toten“

Die Palästinenserin mit israelischer Staatsbürgerschaft berichtet von den israelischen Angriffen und von den tragischen Ereignissen, die sich unter Deck abspielten:

„Auf dem Deck war erst heftiges Schussfeuer [zu hören] und dann haben israelische Besatzungskommandos die Kontrolle des Schiffes übernommen. Einige Minuten nachdem um vier Uhr Morgen die Angriffe begannen wurden Verwundete und Tote in den Innenraum des Schiffes gebracht. Wir wurden dann für mehrere Stunden mit vier Leichen und Dutzenden von Verwundeten festgehalten. Einige befanden sich in kritischem Zustand. Blut strömte aus den Körpern der Toten und Verwundeten. Wir wollten ihnen helfen, aber wir hatte nicht die medizinischen Ausrüstung sie zu versorgen. Wir konnten nichts tun. Eine türkische Frau weinte und verabschiedete sich vom Körper ihres toten Ehemannes. Sie streichelte sein Gesicht und las im Koran. Ein anderer Mann lag im Sterben mit Schusswunden in seinem Kopf.“

„Wir flehten sie an, die Verwundeten zu versorgen“

Die Mitorganisatorin der Free-Gaza-Bewegung wirft der israelische Marine vor, verwundete Aktivisten vorsätzlich hat sterben lassen: „Ab fünf Uhr morgens flehten wir die israelische Marine an, die Verwundeten und Sterbenden medizinisch zu versorgen aber wir erhielten keine Antwort. Durch die Lautsprecher fragten wir sie auf Englisch und Hebräisch und schrieben auf Hebräisch große Plakate auf denen zu lesen war: ‘SOS… Menschen sterben und brauche medizinische Versorgung“ und hängten sie an die Fenster vor ihnen. Sie forderten die Leute mit den Schildern auf abzuhauen. Gegen sieben Uhr morgens riefen sie uns auf nach draußen zu kommen. Ich forderte auf Hebräisch, dass es Sanitätern erlaubt wird bei den Verwundeten zu bleiben; ein Soldat sagte mir, ich solle meinen Mund halten. Später rief er: ‘Du, sag den Verwundeten, dass sie, wenn sie leben wollen, einzeln nach draußen kommen sollen.“ Wir versuchten die Verwundeten einzeln nach draußen zu bringen, aber sie konnten nicht laufen und fielen zu Boden.“

„Schwer bewaffnette Soldaten machten vulgäre sexuelle Gesten“

Lubna Masarwa berichtet weiter, wie die 600 Aktivisten von schwer bewaffneten Soldaten gefangen genommen wurden: „Wir wurden durchsucht; unsere Hände waren gefesselt. […] Ein Helikopter schwebte nur einige Meter über unseren Köpfen. Schwer bewaffnete Soldaten mit Gewehren und an Bein und Arm gebundenen Messern bewachten uns mit Hunden. Sie standen um uns herum mit dem Blut der Opfer an ihren Schuhen, sie machten Witze und machten vulgäre sexuelle Gesten zueinander über die weiblichen Gefangenen. […] Ich wurde dort bis 1.40 Uhr des 1.6.2010 festgehalten. Sobald die israelischen Truppen feststellten, dass ich palästinensische Bürgerin Israels bin, wurde ich rauer behandelt und von den anderen gefangenen Passagieren getrennt. Ich wurde in ein Gefängnis nach Ashkelon gebracht, wo sie mich in Isolationshaft hielten und Erniedrigungen, wie viermal täglicher Leibesvisitationen aussetzten.“

„Israel fühlt sich berechtigt zu belagern, zu töten und Zivilisten in internationalen Gewässern anzugreifen.“

Masarwa, die auch Sprecherin des Schiffes Mavi Marmarwa ist, erzählt in ihrem Bericht auch von den Gerichtsverhandlungen, die in den nächsten Tagen folgten: „Ich wurde in einer kleinen Metalbox innerhalb des Polizeiwagens an Hand und Füßen achten Stunden lang angekettet. Uns wurden zahllose Vorwürfe gemacht – von Angriffen auf Soldaten bis hin zum Waffenbesitz. Der Richter erlaubte der Polizei uns weitere acht Tage festzuhalten. Nachdem aufgrund internationalen Druckes israelische Behörden gezwungen waren, alle ausländischen Gefangenen frei zulassen, wurden alle israelischen Palästinenser wieder vor Gericht gebracht. Der Richter entschied, dass wir uns in Hausarrest begeben müssen und das Land für 45 Tagen nicht verlassen dürfen.“

Masarwa ruft abschließend zu mehr internationaler und israelisch-palästinensischer Solidarität auf. „Israel“, so sagt sie, sei „bedroht durch Soldarität“: „Indem wir mit unseren Schwestern und Brüdern unter Belagerung kämpfen, senden wir die Botschaft, dass wir ein Volk sind und unser Kampf ein Kampf ist.“ Die Tötung von Zivilisten in internationalen Gewässern beschreibt Masarwa als „direkte Fortsetzung der Politik, Zivilisten mit tödlicher Gewalt anzugreifen…“: „Israel „fühlt sich berechtigt zu belagern, zu töten und Zivilisten in internationalen Gewässern anzugreifen. Ursache hierfür ist das Schweigen der Welt, was ihnen das Gefühl vermittelt, das Recht hierfür zu haben.“

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