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Jenin: Eine Ahnung von Freiheit

Bjarne Köller
Der Mord an Juliano Mer-Khamis hinterlässt eine Lücke. Was bleibt ist die Hoffnung, dass die Saat seiner Arbeit aufgegangen ist. Ein Nachruf.

Am Montag den 4. April 2011 wurde Juliano Mer-Khamis, der Leiter des örtlichen Kindertheaters, im Flüchtlingslager von Jenin auf offener Straße von einem maskierten Täter erschossen. Die Hintergründe der Tat liegen noch im Dunkeln. Fest steht jedoch, dass der Mord an Juliano einen herben Verlust bedeutet, nicht nur für die Kinder im Lager, sondern auch für den palästinensischen Befreiungskampf im Allgemeinen.

Juliano wurde 1958 in Nazareth als Sohn einer jüdischen Mutter und eines arabischen Vaters geboren. Beide waren Anfangs in der Israelischen Kommunistischen Partei aktiv, verließen diese jedoch, als die Partei sich weigerte, die Forderung der palästinensischen Befreiungsbewegung nach einem demokratischen säkularen Staat in ganz Palästina zu unterstützen. Während der ersten Intifada betreibt die Mutter, Arna Mer, im Flüchtlingslager von Jenin ein Kindertheater, mit dem sie auf ihre Weise einen wertvollen Beitrag zum Aufstand der Palästinenser liefert. Auch Juliano, der zu dieser Zeit als Schauspieler tätig ist, arbeitet bei dem Theater mit. Seine Parteinahme für die Palästinenser hatte ihm zuvor bereits eine unehrenhafte Entlassung aus der israelischen Armee und eineinhalb Jahre Gefängnis eingebracht. Das Filmmaterial, das er von der Arbeit im Theater aufnimmt, wird er später in dem Film „Arnas Kinder“ verarbeiten, für den er 2002, während der zweiten Intifada, in das Lager zurückkehrt und die ehemaligen Protagonisten des Kindertheaters wieder aufsucht, aus denen mittlerweile Kämpfer gegen die Besatzung geworden sind. Das Erscheinen von „Arnas Kinder“ ruft eine Welle von internationaler Unterstützung hervor, die eine Wiederaufnahme des Theaterprojekts in Jenin ermöglicht. 2006 eröffnet Mer-Khamis gemeinsam mit den aus Schweden stammenden israelischen Aktivisten Jonatan Stanczak und Dror Feiler das Projekt Freedom Theatre Jenin. Als Schirmherr des Theaters fungiert Zakaria Zubaide, der einst selbst eines von „Arnas Kindern“ gewesen war und während der zweiten Intifada zum Anführer der Al-Aqsa-Brigaden in Jenin wurde.

Durch seine israelische Herkunft und seine Persönlichkeit war Juliano sehr erfolgreich darin, internationale Unterstützung für sein Theaterprojekt zu gewinnen und auch Israel ließ ihn weitgehend gewähren. Dies führte jedoch gleichzeitig dazu, dass seine Arbeit oft propagandistisch benutzt und vereinnahmt wurde. So beklagte er sich bereits 2006 in einem Interview:
„Meine Arbeit wird als Feigenblatt benutzt, um im Ausland zu demonstrieren wie demokratisch Israel ist. Andere kulturelle Einrichtungen in der Westbank werden zerstört. Nur unser Theater rührt man nicht an, weil dort Juden arbeiten.” (1)
Während Juliano in Israel selbst wahlweise als Verräter beschimpft oder stillschweigend boykottiert wurde, wurde er der Weltöffentlichkeit als das gute Gesicht Israels präsentiert, als „der gute Jude, der sich für die Araber einsetzt“ (1), wie er selbst einmal kritisch anmerkte.
Doch auch abseits dieser plumpen Instrumentalisierung wurde und wird seine Arbeit in der öffentlichen Darstellung gern in einen falschen Zusammenhang gestellt. Dabei ist es entlarvend, mit welcher Selbstverständlichkeit vorgeblich liberale Medien rund um die Welt Julianos Wirken nicht in den Kontext eines politischen Konfliktes stellen, sondern mit kaum verhülltem Rassismus von einem Kampf zwischen zwei Völkern ausgehen. Mit dem abstrakten Begriff des Friedensaktivisten belegt, wird er regelmäßig als Mittler zwischen den Welten beschrieben, der sich für das gegenseitige Verständnis zwischen Israelis und Palästinensern einsetzte (als ob der Nahostkonflikt nicht auf der Realität der Besatzung, sondern bloß auf einem großen Missverständnis beruhe). Das Freiheitstheater wird in diesem Narrativ zum Friedenstheater wenn nicht gar zum Befriedungstheater umgedeutet, zu einem Ort, wo den Jugendlichen eine Alternative zum Widerstand gegen die Besatzung geboten werden soll. Auch (und vor allem) jetzt, da er sich gegen diese Zuschreibungen nicht mehr wehren kann, dominiert in den Nachrufen die dieser Tage erscheinen die Erzählung von Juliano als dem großen Brückenbauer, dem Märtyrer, der sich für die Versöhnung einsetzte und deshalb – so der kulturkriegerische Nachsatz – sterben musste, da der Hass auf palästinensischer Seite einfach zu groß gewesen sei.
Juliano selbst hat diese Sichtweisen immer entschieden zurückgewiesen:
„Manche Menschen versuchen das zu verschleiern, indem sie es als Problem zwischen zwei Völkern darstellen, aber das ist nicht der Fall. Es geht hier nicht um Dialog, Händchenhalten oder gemeinsam auf die Toilette gehen. Es ist ein politisches Problem einer Nation, die ein anderes Gebiet besetzt und ethnisch gesäubert hat.“ (2)
Seine Identität als jüdischer Palästinenser war für ihn kein Widerspruch und deshalb auch kein Anlass einen Mittelweg zwischen Zionismus und palästinensischer Selbstbestimmung zu suchen. Vielmehr verstand er sie als Auftrag, sich klar „auf die Seite der Gerechtigkeit“ (3) zu stellen, wie er es ausdrückte, was für ihn ganz selbstverständlich den Bruch mit dem Konzept eines exklusiv jüdischen Staates bedeutete, an dessen Stelle er ein friedliches Zusammenleben von Juden und Palästinensern setzen wollte.
„Der palästinensische Befreiungskampf ist meiner. [...] Ihr Kampf ist unser Kampf als Israelis. Wir haben eine gemeinsame Zukunft. Als jüdischer Israeli ist der Zionismus mein Feind ebenso wie ihrer. “ (3)
Dem entsprechend sah er auch die Arbeit am Theater nicht als Alternative zum Widerstand gegen die Besatzung sondern als einen integralen Bestandteil davon:
„Durch die Bühnenarbeit werden die Kinder gestärkt, sie werden selbstbewusster und sie lernen. Wir hoffen, dass diese Kinder die Kraft haben werden, die israelische Besatzung zu bekämpfen.“ (3)

Während er den bewaffneten Kampf ablehnte, erwies sich sein politischer Ansatz oft als radikaler denn der vieler Palästinenser. Nicht nur weil er sich als überzeugter Antizionist gegen die Zweistaatenlösung aussprach. Auch weil er verstand, dass der Widerstand auf allen Ebenen stattfinden müsse, dass die Besatzung sich nicht nur in Soldaten und Checkpoints manifestiert, sondern auch tiefe Spuren in der Verfasstheit und der inneren Struktur eines Volkes hinterlässt:
„Wir erleben die Entwicklung einer Ghettomentalität, das Aufkommen von Xenophobie, die Rückkehr zur Tradition, weil die Sozialstruktur zerstört wurde, die Rückkehr zu Stammesbeziehungen. Israel hat uns erfolgreich um hundert Jahre zurückgeworfen.“ (2)
Der Wiederaufbau der kulturellen Struktur des Volkes war daher für ihn von entscheidender Bedeutung. Das Ziel der Freiheit dürfe nicht in eine ferne Zukunft nach dem Sieg des Befreiungskampfes verschoben werden, sondern müsse bereits jetzt – so weit es die Umstände eben erlauben – umgesetzt werden, damit dieser Kampf überhaupt erfolgreich sein könne. Nur indem Macht- und Gewaltstrukturen – ob diese nun auf Geschlecht, Alter, Religion oder Politik basieren – zurückgedrängt werden, könne wieder jene Ahnung von Freiheit entstehen, die sich letztlich auch gegen die Besatzung zu behaupten vermag.
Dass dieser kulturelle Wiederaufbau angesichts der von ihm beschriebenen wachsenden „Ghettomentalität“ einen Wettlauf gegen die Zeit bedeutete war Juliano nur allzu gut bewusst. Doch obwohl er Morddrohungen erhielt und Brandanschläge auf das Theater verübt wurden, war er dennoch der festen Überzeugung, dass sich das Risiko lohne. Denn bei der Mehrheit der Bevölkerung stieß er auf große Zustimmung, was sich auch deutlich bei der Wiedereröffnung des Theaters 2006 zeigte, die von sämtlichen Fraktionen des palästinensischen Widerstandes in Jenin begrüßt wurde.
Sollte die Ermordung Julianos tatsächlich vor dem ideologischen Hintergrund einer vermeintlichen Verteidigung der Tradition stattgefunden habe wie nun gemutmaßt wird, wäre das ein erschreckendes Anzeichen für den Grad der Zerstörung, der durch die Besatzung angerichtet wurde. Hingegen zeigt die große Anteilnahme, die der Tod des Regisseurs in Jenin ausgelöst hat, dass diese Zerstörungen nicht irreversibel sind, und die Bemühungen um einen Wiederaufbau der kulturellen Struktur, der die Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf gegen die Besatzung darstellt, durchaus Früchte tragen können.

(1) http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1341/i.html
(2) http://www.intifada.at/node/612
(3) http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-390/i.html

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