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[Tr.Kurdistan] Aufstand in Amed

Heute, den 14.07.12 hatte die Friedens- und Demokratiepartei BDP und der Demokratische Gesellschaftskongress eine Kundgebung unter dem Motto „Demokratischer Widerstand für die Freiheit“, auf die Freilassung des Vorsitzenden der PKK Abdullah Öcalan und eine friedliche Lösung der kurdischen Frage angekündigt. Der Provinzgouverneur von Amed (Diyarbakır) ließ diese Kundgebung jedoch verbieten und setzte ein Aufgebot von tausenden Polizisten und Soldaten ein um jegliche Demonstration zu verhindern. Dennoch strömten seit Tagen aus ganz Nordkurdistan (kurdische Region unter türkischer Besatzung) zehntausende Menschen nach Amed um dort ihren politischen Willen kundzutun. Schon am Tag zuvor fuhren Panzerwagen durch die Straßen und forderten die Bevölkerung auf am folgenden Tag nicht das Haus zu verlassen. Der Staat versuchte mit allen Mitteln dies zu verhindern, doch Wasserwerfer, Knüppel, Gasgranaten und Polizeischüsse konnten die Bevölkerung nicht einschüchtern. Trotz hunderten Verletzten, darunter drei kurdische ParlamentarierInnen über 60 Festnahmen und schweren Polizeiübergriffen erreichten die Abgeordneten den Kundgebungsplatz und setzten diese in den Abendstunde durch. Damit wurde deutliches Signal des Widerstands gegen das AKP Regime gesendet. Die Kämpfe dauern bis in die Nacht hinein an. Die Polizei hat die Kontrolle über große Teile der Stadt verloren.

DREI ABGEORDNETE UND BÜRGERMEISTER VERLETZT

Die BDP Abgeordnete Pervin Buldan wurde von einem gezielten Schuss mit einer Gasgranate am Bein verletzt, außerdem wurden die Abgeordneten Mülkiye Birtane und Ayla Akat sowie der Bürgermeister von Amed Osman Baydemir Ohnmächtig ins Krankenhaus gebracht. Die beiden Abgeordneten und Vorsitzenden der BDP Selahattin Demirtaş und Gülten Kışanak, sowie die DTK Covorsitzende Aysel Tuğluk und die Abgeordneten Özdal Uçer wurden mit Wasserwerfern, Tränengas und teilweise auch mit Schlagstöcken angegriffen.
Pervin Buldan wurde durch den gezielten Schuss einer Gasgranate und Knüppelschläge, so schwer verletzt, dass ein Schienbeinknochen gebrochen ist.

POLIZEI WIRD AUS STADTVIERTELN VERTRIEBEN

In den verschiedenen Stadtvierteln, Ameds die sich dezentral versammelte sich die Bevölkerung zu Kundgebungen. Jede dieser Kundgebungen wurde von der Polizei angegriffen. Seit dem frühen Nachmittag leistete Bevölkerung versammelt hatte entschlossen Widerstand gegen die Polizeiangriffe. Die Jugendlichen verteidigten ihre Viertel mit Molotowcocktails, Feuerwerkskörpern und Steinen. Während die Polizei aus einigen Stadtvierteln vertrieben worden ist, setzte sie die Angriffe mit Wasserwerfen, Gasgranaten und Schusswaffen fort.
Es formieren sich immer wieder Demonstrationszüge, unter Parolen wie „Biji Serok Apo!“ oder „Schulter an Schulter gemeinsam gegen den Faschismus!“ Nach weiteren Polizeiangriffen kommt es auch im Stadtzentrum Ofis zu schweren Straßenkämpfen. Jugendliche bauen Barrikaden auf Hauptverkehrsstraßen.

HEFTIGE AUSEINANDERSETZUNGEN IN BAGLAR UND OFIS

In dem Innenstadtviertel Ofis kam es seit dem 28.03.2006, dem großen Serhildan, zum ersten mal wieder zu Auseinandersetzungen. Es sind Explosionen über dem Stadtviertel zu hören und Spezialeinheiten verlieren die Kontrolle, sie schlagen jeden zusammen, der sich auf der Straße befindet. Es werden tausende Gasgranaten verschossen, eine dicke Gaswolke schwebt über der Stadt. Die Menschen bleiben trotzdem auf der Straße. Trotz des Einsatzes von Plastikgeschossen, Gas und scharfen Patronen. Sie Antworten auf diese Angriffe mit Steinwürfen. Sie sind entschlossen zum Kundgebungsplatz nahe dem Sümerparks vorzudringen. Es gibt viele verletzte. Einige werden mit angelegten Handschellen ins Krankenhaus gebracht.

ABGEORDNETE ERREICHEN KUNDGEBUNGSGELÄNDE: „SIE HABEN ALLE MÖGLICHEN NEUEN WAFFEN AUSPROBIERT“

In einem Sternmarsch bewegen sich verschiedene Demonstrationszüge auf den mit Polizeibarrikaden, Wasserwerfern und Panzern abgesperrten Sümerpark zu. Tausende rufen „Biji Serok Apo!“ und „Berxwedan Jiyan e!“ d.h. „Widerstand heißt leben.“ Die Polizei schießt gezielt auf DemonstrantInnen mit Gasgranaten, es kommt zu weiteren Verletzten. Eine Gruppe von BDP Abgeordneten, insbesondere die Abgeordnete aus Elih (Batman) Ayla Akat werden von Wasserwerfern gezielt ins Visier genommen und angegriffen. Ayla Akat wird dabei verletzt
Der Covorsitzende der BDP Selahattin Demirtaş erklärt der Polizei: „Hier ist der Bahnhofsplatz, das ist der Platz der Freiheit des Volkes. Ihr werdet uns nicht aufhalten, dazu müsst ihr uns ermorden. Kurdistan wird das Grab des Faschismus sein.“ Obwohl die Polizei mit Knüppeln auf die Abgeordneten einschlug, Wasserwerfer einsetzte wichen die Abgeordneten nicht zurück. Nachdem die Abgeordnete Emine Ayna von einem Wasserwerfer umgeschossen wurde und viele durch den Wasserwerfer verletz wurden, schlug der Bürgermeister von Amed Osman Baydemir mit der Faust auf den Wasserwerfer ein. Er rief: „Das ist Faschismus“
Trotz all der Hindernisse überwinden die Abgeordneten zusammen mit einigen DemonstrantInnen die Polizeisperren und werden massiv von der Polizei erneut mit Wasserwerfern und Gas angegriffen. Dies bestätigte auch der BDP Abgeordnete Sırrı Süreya Önder: „Wir haben den Kundgebungsgebungsplatz erreicht, die Polizei hat gezielt die Abgeordneten angegriffen. Sie haben die verschiedensten neuen Waffen ausprobiert.“ Die Polizei umzingelte eine Moschee in die sich viele Menschen vor dem Gaseinsatz geflüchtet hatten und stürmte diese unter den rufen wie „Wir setzen hier Demokratie um!“ Die Polizisten schlugen vier Personen zusammen und nahmen diese fest. Im Hof der Moschee wurden die festgenommenen mit Ohrfeigen misshandelt. Darauf reagierte die DTK Covorsitzende Aysel Tuğluk, indem sie auf die Polizeischilde einschlug. Osman Baydemir kollabierte dort durch den Einsatz von Gas und Knüppeln und musste kurzzeitig in Krankenhaus gebracht werden.

GASGRANATEN IN LÄDEN, WOHNHÄUSER

Die Polizei zog mit Wasserwerfern und Gasgranaten durch die Straßen und schoss diese teilweise direkt in Läden. Einige AnwohnerInnen mussten aufgrund der Gasgranaten aus ihren Häusern fliehen. In Ofis brannte ein Auto aufgrund einer hineingeschossenen Gasgranate aus. Auch am Koşuyolu Park brannte ein Auto durch Gasgranatenbeschuss aus. Der Besitzer erklärte: „Das ist das was Erdoğan tut, ein besseres Beispiel gibt es nicht.“

POLIZEI FOLTERT AUF OFFENER STRASSE UND IN GEWAHRSAM

Schon auf Straße kam es zu schweren Übergriffen durch Polizeieinheiten. Dutzende Polizisten knüppelten auf Gefangene Einzelpersonen ein. Es gibt Aufnahmen, wie beispielsweise drei Personen aus Bitlis bei ihrer Festnahme schwer misshandelt wurden und in statt ins Krankenhaus in einen Panzer geworfen und weggebracht wurden. Einer der Festgenommenen, ein Jugendlicher mit dem Namen Yüksel Torman wurde von den Polizeieinheiten schwer verletzt. Weiterhin wurden Gasgranaten in Fahrzeuge gefeuert und ein 8jähriger Junge von 5-6 Riotpolizisten zusammengeschlagen. Die Polizei hielt Krankenwagen an und versuchte Verletzte festzunehmen, nur das Eingreifen der Bevölkerung konnte dies verhindern.

STAAT VERSUCHT MEDIENSPERRE UMZUSETZEN

Während in Amed heftige Auseinandersetzungen stattfinden, scheint der türkische Staat alle möglichen Mittel einzusetzen um das Informationsmonopol über die Ereignisse zu erlangen. So sind seit gestern Abend die Seiten der kurdischen Nachrichtenagenturen DIHA und ANF massiven Hackerangriffen ausgesetzt, welche die Seiten blockieren. Die Korrespondenten der Nachrichtenagentur DIHA Mahsum Sağlık und Mehmet Begüm wurden heute vor dem DIHA Büro in Amed festgenommen. Weiterhin beschlagnahmte die Polizei mehrfach Bildmaterial von anderen DIHA KorrespondentInnen und bedrohte diese.

PROTESTAKTION IM SÜMERPARK

Begonnen von den Abgeordneten führen viele Menschen am Abend des 14.07. eine Protestaktion gegen die massive Polizeigewalt und das Verbot durch. Die Polizei versuchte die Abgeordneten zu stoppen, aber sie konnten dennoch einen Sitzstreik am Sümerpark durchführen. Sie kündigten an nicht ohne öffentliche Kundgebung wegzugehen, auch wenn die Polizei sie töten wolle. Viele Menschen strömten hinzu – es wird dort mittlerweile auch der Sieg über das Verbot gefeiert und die Abgeordneten haben angekündigt ihren Sitzstreik aus Protest bis zum Morgen fortzusetzen und um 11:00 mit einer Massenkundgebung zu beenden.

TROTZ REPRESSION EIN GROSSER ERFOLG: „Es ist heute bei Widerstand in Diyarbakır deutlich geworden, dass dieses Volk sich dem Faschismus der AKP nicht beugen wird!“

Dieser Tag, trotz der vielen traurigen Ereignisse stellt einen weiteren Erfolg der kurdischen Freiheitsbewegung dar. Es wurde deutlich, dass sich die Bevölkerung nicht von dem Einsatz tausender Polizisten und massiver Gewalt, von Maßnahmen die an den Ausnahmezustand und den Militärputsch von 1980 erinnern, davon abbringen lässt für eine demokratische Lösung der kurdischen Frage und die Freiheit von Abdullah Öcalan auf die Straße zu gehen. Die Erklärung von Selahattin Demirtaş zu diesem Tag bring es auf den Punkt: „Es ist heute bei Widerstand in Diyarbakır deutlich geworden, dass dieses Volk sich dem Faschismus der AKP nicht gebeugt hat und nicht beugen wird! (…) Diese Haltung sollte jeder aber wirklich jeder annehmen. Nicht nur die Bevölkerung von Amed! … Die AKP sollte sich endlich vor Augen führen, die Bevölkerung ist erfolgreich damit ihren Faschismus zu stoppen.“

Quellen: ANF, DIHA, YH; ANA

Mehr Infos bei: www.isku.org

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