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Oury Jalloh: Selbstmord undenkbar

 

Bis zur Unkenntlichkeit verbrannt: Neues Gutachten zum Tod des afrikanischen Asylbewerbers Oury Jalloh läßt Einsatz von Brandbeschleunigern vermuten

junge welt, 13.11.2013

Hat Oury Jalloh sich selbst angezündet? Unmöglich, meint der in London und Irland tätige Sachverständige und Thermophysiker Maksim Smirnov. Das Brandbild, das am 7. Januar 2005 im Polizeirevier Dessau vorgefunden wurde, habe nicht ohne Beschleuniger und grobe Manipulationen an der feuerfest umhüllten Matratze entstehen können. Dazu sei der an Händen und Füßen gefesselte, stark alkoholisierte Flüchtling nicht in der Lage gewesen. Das erklärte Smirnov am Dienstag in Berlin, als er die Ergebnisse seiner bisherigen Versuche vorstellte.

Das Gutachten hat die Initiative »In Gedenken an Oury Jalloh« auf eigene Kosten in Auftrag gegeben. Seit fast neun Jahren versucht sie, die Umstände des Todes des aus Sierra Leone stammenden Flüchtlings aufzuklären. Zwei Gerichtsprozesse in Dessau und Magdeburg ließen das im dunkeln. Die Justiz in Sachsen-Anhalt hält trotz gegenteiliger Indizien an der Theorie der Selbsttötung fest.

Smirnov hatte mehrere Abbrandversuche in einer nachgebauten Zelle mit Schweinekadavern statt eines menschlichen Körpers durchgeführt. Diese dokumentierte er anhand eines Videos. Ziel sei gewesen, so Smirnov, das am Tatort vorgefundene Brandbild zu erzeugen. Wie das Feuer in den 20 Minuten zwischen Rauchalarm und dem Eintreffen der Feuerwehr gewütet haben muß, zeigen Polizeifotos: Die Matratze war, mit Ausnahme von Stellen unter dem Toten, fast komplett heruntergebrannt. Auch die Leiche Oury Jallohs war stark verkohlt.

Zwei gerichtliche Gutachten sollten vorrangig klären, ob Jalloh den Brand mit einem in die Zelle geschmuggelten Feuerzeug selbst gelegt haben konnte. Mögliche Brandverläufe waren 2011 lediglich am Computer simuliert worden. Um den Füllstoff zu entzünden, hätte Jalloh zuvor gefesselt den feuerfesten Bezug der Matratze aufschmelzen und aufreißen müssen. Ein Feuerzeug tauchte erst Tage nach dem Brand bei den Asservaten auf. Es soll zwischen fast unversehrten Matratzenresten gelegen haben, war aber stark verschmort. Im vorigen Jahr ergab eine Analyse, daß Fasern darin eingeschmolzen waren, die nicht aus der Zelle stammten.

Bei den Versuchen schaffte es der Experte nach Aufreißen der Hülle lediglich, einen Schwelbrand zu entfachen. Dieser erzeugte weißen und nicht wie in Dessau schwarzen Qualm, wie er darlegte. Nahe kamen dem Brandbild lediglich Versuche, bei denen Smirnov zuvor den oberen Teil der Matratzenhülle entfernt und den Tierkadaver mit fünf Litern Benzin übergossen hatte. Weitere Ungereimtheiten traten beim Feuerzeug zutage. Dieses soll unter der Leiche gelegen haben. Anders als das vom LKA präsentierte Utensil war es bei den Tests jedoch fast intakt geblieben. Die Initiative gab bekannt, am Dienstag Strafanzeige wegen Verdachts auf Totschlag oder Mord gegen Unbekannt bei der Generalbundesanwaltschaft erstattet zu haben.

Auch die Dessauer Staatsanwälte Folker Bittmann und Olaf Braun folgten den Ausführungen des Gutachters. In einem Prüfverfahren teste man – seit einem Jahr –, ob es am Feuerzeug noch etwas zu untersuchen gebe, sagte Bittmann auf jW-Nachfrage. Ermittelt werde derzeit nicht, »aber wir müssen jetzt über ein neues Gutachten nachdenken«. Derzeit entscheidet der Bundesgerichtshof im Revisionsverfahren über ein Urteil gegen den früheren Dienstgruppenleiter des Reviers. Das Magdeburger Landgericht hatte ihn im Dezember 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10800 Euro verurteilt. Dieser zweite Prozeß warf viele Ungereimtheiten auf.

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