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Gut gemeint ist nicht gut genug

Haben wir es mit einer neuen Qualität von Antisemitismus zu tun? Ein Einwurf zweier israelischer Deutschland-Kenner

TEL AVIV, Ende Februar

Antisemitische Vorfälle in Frankreich, Argentinien und anderswo wie auch Meinungsumfragen in Amerika, Europa und Deutschland schlagen gerade wieder Alarm. Einer in zwölf Ländern der Europäischen Union durchgeführten Umfrage der Fundamental Rights Agency ist zu entnehmen, dass im Jahr 2018 fünfundachtzig Prozent der Juden den Antisemitismus als größte Herausforderung für ihr Land einschätzen und neunundachtzig Prozent davon überzeugt seien, dass der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen habe. Im Jahr 2013 waren sechsundsiebzig Prozent der Befragten dieser Meinung. Die jüngsten Zahlen veranlassten Politiker und andere Vertreter des öffentlichen Lebens zu überstürzten Reaktionen – in der guten Absicht, Antisemitismus zu bekämpfen. Dabei blieb die Antwort auf die Frage, was mit „neuer Qualität“ des Antisemitismus gemeint sei oder besser: worum es eigentlich geht und was man wie bekämpfen soll, unklar.

Tatsächlich beginnt bereits mit der Definition des Begriffs Antisemitismus die Unklarheit. Die neue Definition der International Holocaust Remembrance Alliance aus dem Jahr 2016, die darüber Klarheit schaffen sollte, erwies sich zuletzt als problematisch, vor allem wenn man früheren Antisemitismus mit heutigem vergleichen will oder Antisemitismus in verschiedenen Ländern. Heute spricht man von „Sekundärem Antisemitismus“ von „israelbezogenem Antisemitismus“, oder auch von „Umwegkommunikationsantisemitismus“ – das sind Begriffe, die viel Raum für Interpretation lassen. Bei den Schlussfolgerungen ist also Vorsicht geboten. Nur wenn über die Methode der Erhebungen Übereinstimmung herrscht, sind Vergleiche möglich, und nur dann darf man überhaupt von mehr oder weniger Antisemitismus sprechen.

Zum Vergleich gehört vor allem die Anwendung klarer Kriterien. Wie ist die Gefährlichkeit von Antisemitismus zu messen? An der Zahl der antisemitisch motivierten Straftaten? An den statistisch erfassbaren Vorurteilen gegen Juden? Oder an den Ängsten, die von der Zielgruppe des Vorurteils zum Ausdruck gebracht werden? Wenn nach der „größten Gefahr“ gefragt wird, ist der Vergleich mit der Einstellung gegenüber anderen Gruppen notwendig. Ein wichtiger Befund der Umfragen, wonach die Feindschaft gegenüber Muslimen in Europa dreimal so deutlich ausgeprägt ist wie gegenüber Juden (nach CNN-Umfragen viermal so hoch), relativiert die Einschätzung von Antisemitismus als „höchste Gefahr“.

Auch die Diskrepanz zwischen Statistiken über Straftaten oder Einstellungen einerseits und Einschätzungen der antisemitischen Gefahr andererseits relativieren die Behauptung von einer „neuen Qualität“: Die erwähnte Einschätzung der befragten Juden, wonach der Antisemitismus zugenommen habe, korreliert langfristig nicht mit den Befunden über antisemitisch motivierte Straftaten oder antisemitische Einstellungen, zumindest in Deutschland.

Wie erklärt sich dann aber die in der Umfrage erfasste Einschätzung? Schauen wir in einem anderen Zusammenhang auf die Diskrepanzen: Der Eindruck, die Kriminalität in Deutschland hätte zugenommen, steht im Widerspruch zur Kriminalitätsstatistik der vergangenen Jahre. Eine seriöse Auseinandersetzung mit der „neuen Qualität“ des Antisemitismus setzt also eine ernsthafte Auseinandersetzung mit solchen Diskrepanzen voraus. Sie hat eher mit der Auffälligkeit des Themas in der Öffentlichkeit zu tun, die sich im Laufe der Zeit verändert.

Elastisch ist nicht nur die neue Definition des Begriffs „Antisemitismus“; elastisch, manchmal unverantwortlich, ist auch seine Quantifizierung im Internet und in den sozialen Netzwerken. Klar ist: Mit der Zunahme des Datenflusses vervielfachen sich auch antisemitische Äußerungen. Über eine allgemein sinkende Hemmschwelle und die Flut an vulgären Äußerungen im Netz hinaus stellt sich die Frage, was sich hieraus lernen lässt über eine „neue Qualität“ des Antisemitismus?

Eine weitere Herausforderung im Kampf gegen Antisemitismus wäre der Versuch, diesen als Phänomen zu kontextualisieren, statt ihn zu isolieren. Reicht ein Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus? Oder wäre der Auftrag, allgemein gegen Rassismus und Nationalismus, also gegen religiösen Fundamentalismus, vorzugehen, effektiver? Dass die meisten antisemitischen Straftaten aus dem rechtsradikalen Milieu kommen und dass es eine hohe positive Korrelation zwischen Unterstützung für rechtspopulistische Parteien und Antisemitismus gibt, darüber sind sich Statistiker und Demoskopen einig und stecken somit die Konturen des Kampfes gegen Antisemitismus ab.

Dass aber unter Migranten aus der muslimischen Welt antisemitische Stereotype stärker zum Vorschein kommen – dass „Juden geldgierig sind“, glauben demnach sechzehn Prozent der muslimischen Jugendlichen, aber nur neun Prozent der Nichtmuslime in Deutschland, so die Expertenkommission des Bundestags –, das verweist auf einen zusätzlichen Kontext für den Kampf gegen Antisemitismus. Was natürlich nicht dazu verleiten darf, in diesem Kampf den Islam höher einzustufen als den Rechtspopulismus. Versuche, den Schwerpunkt auf „die Linken“ oder „die Muslime“ zu verlagern, sind politisch motiviert und dienen keineswegs der Abwehr des Antisemitismus. Relevant ist außerdem der Befund der Leipziger Autoritarismus-Studie aus dem Jahr 2018, wonach antisemitische Stereotypen in den neuen Bundesländern stärker vertreten sind als in den alten. Auch hierfür gibt es Gründe, die etwa mit der unterschiedlichen Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit in Ost und West zusammenhängen.

Dass die deutsche Öffentlichkeit in der jüngsten Zeit für Anzeichen von Antisemitismus hellhöriger wurde, ist begrüßenswert. Doch besteht der Verdacht, dass in diesem Zusammenhang eine Überempfindlichkeit beim sogenannten israelbezogenen Antisemitismus, mittlerweile die in den Statistiken meistverbreitete Form von Antisemitismus, kontraproduktiv wirkt. Auch hier sind klare Kriterien wichtig. Natürlich dürfen antisemitische Vorurteile nicht in die Kritik an Israel einfließen. Aber ist das Boykottieren von Waren aus den jüdischen Siedlungen im Westjordanland antisemitisch? Ist eine entsprechende Gesetzesvorlage des irischen Parlaments ein antisemitischer Akt, wie die israelische Regierung es den Iren vorwirft? Ist die Kritik an Netanjahus Unterstützung für die antisemitische Anti-Soros-Kampagne des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán selbst auch antisemitisch? Gehört der Versuch, in Deutschland auftretende Kritiker der israelischen Politik in den besetzten Gebieten zum Schweigen zu bringen, zur Abwehr von Antisemitismus?

In Meinungsumfragen wird oftmals auf eine wachsende Ignoranz bezüglich der Schoa hingewiesen, die den angeblich erstarkenden Antisemitismus erklären soll. Dass jeder Mensch über Auschwitz informiert sein und aus der Geschichte Schlüsse ziehen sollte, ist eine Binsenwahrheit. Doch die Information an sich ist noch keine Garantie gegen Vorurteile oder falsche Behauptungen. Es geht vielmehr um die Einordnung der Informationen auf der Basis von kritischem Denken. Auch muss man damit rechnen, dass gelegentlich eine intensive Beschäftigung mit einem Thema sogar kontraproduktiv wirkt. Wahrscheinlich ist es gerade die intensive Beschäftigung mit dem Thema, die dazu führt, dass zwei Drittel der Europäer den Anteil von Juden an ihren Gesellschaften für viel höher halten, als er tatsächlich ist. Dieser Eindruck dient als Vorlage viel eher den Antisemiten als dem Kampf gegen Antisemitismus.

Wie sieht es nun aus mit der „neuen Qualität“ des Antisemitismus? Achtunddreißig Prozent der europäischen Juden, so die Umfrage der Fundamental Rights Agency, erwägen die Auswanderung. Doch die Zahl der Juden, die Europa in den vergangenen Jahren tatsächlich verlassen haben, ist nicht hoch. Aus Frankreich wanderten 2017 etwa dreitausend Juden (von dort lebenden 460 000) nach Israel aus, Deutschland verließen weniger als zweihundert von etwa hunderttausend hier lebenden Juden. Auch diese Zahlen sollen natürlich nicht als Messlatte für die Schwere des Problems dienen. Antisemiten brauchen keine reale Juden. Auch ohne die postulierte „neue Qualität“ steht eine Entwarnung aus. Solange Rassismus, Intoleranz und gesellschaftliche Vorurteile nicht fortwährend bekämpft werden, so lange bleibt auch der altbekannte Antisemitismus ein Problem.

Shimon Stein war von 2001 bis 2007 Botschafter Israels in Berlin. Zurzeit ist er Senior Fellow am Institut für Nationale Sicherheitstudien an der Universität Tel Aviv.

Moshe Zimmermann lehrte bis zu seiner Emeritierung Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Für seine Forschung erhielt er zahlreiche Preise, zuletzt den Lessing-Preis für Kritik.

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