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Brief eines palästinensichen Gefangenen

Dies ist ein Brief von Abdallah Abu Rahmah aus Bil’in, der durch seine Anwälten aus seiner Gefängniszelle übermittelt wurde. Bitte verbreitet ihn.

Liebe Freunde und Unterstützer,

Es sind nun zwei Monate seit man mich mit Handschellen und verbundenen Augen von zu Hause abgeführt hat. Heute hat das Militärgefängnis Ofer die Nachricht erreicht, dass die Apartheids-Mauer auf dem Land von Bil’in schließlich versetzt wird und der Bau auf einer neuen Route begonnen hat. Dies wird die Hälfte des Landes zurückbringen, das unserem Dorf gestohlen wurde. Für die von uns hier in Ofer, die für ihren Protest gegen die Mauer inhaftiert sind, ist unser Leiden, hier zu sein durch diesen Sieg etwas leichter zu ertragen. Nachdem wir nun seit fünf Jahren jede Woche aktiven Widerstand geleistet haben gegen den Diebstahl unseres Landes durch die israelische Apartheids-Mauer und die Siedlungen, sehnen wir uns danach, unseren Brüdern und Schwestern zur Seite zu stehen und diesen Sieg und den fünften Jahrestag unseres Kampfes zu begehen.
Ofer ist eine israelische Militärbasis in den besetzten Gebieten, die als Gefängnis und Militärgericht dient. Das Gefängnis ist eine Ansammlung von Zelten, umschlossen von Klingen-Draht und Elektrozaun, jede Einheit beinhaltet vier Zelte, 22 Gefangene in jedem Zelt. Jetzt im Winter kommen Wind und Regen durch Risse im Zelt und es fehlt uns an genügend Decken, Kleidung und anderen Grundbedürfnissen.
Essen ist ein kritisches Thema hier in Ofer, es gibt nicht genug. Wir überleben, indem wir Zutaten aus der Gefängniskantine kaufen, die wir in unserem Zelt zubereiten. Wir haben eine kleine Kochplatte und dies ist auch die einzige Wärmequelle. Die von uns, deren Familien Geld in ein Konto einzahlen können, damit wir Essen kaufen können, tun dies, aber viele können es nicht aufbringen. Der positive Aspekt daran ist, dass ich nun kochen gelernt habe! Heute abend habe ich Falafel und Süßigkeiten gemacht, um die Nachricht unseres Sieges zu feiern. Ich kann es nicht erwarten, nach Hause zu kommen und für meine Frau und meine Kinder zu kochen!
Ich wurde in meinen Hausschuhen verhaftet und bis heute war es meiner Familie nicht möglich, eine Erlaubnis zu bekommen, mich mit einem Paar Schuhen zu versorgen. Nach wiederholten Anfragen habe ich schließlich meine Uhr bekommen. Das ist für mich eine essentielle Möglichkeit, die Orientierung zu behalten, es war unerträglich, nicht in der Lage zu sein, zu sehen, wie die Zeit vergeht. Als ich sie bekam war ich so überglücklich, wie ein Kind, das seine erste Uhr bekommt. Ich kann mir kaum ausmalen, wie es sein wird, wieder ein Paar gute Schuhe zu haben.
Wegen unserer Gefangenschaft betrachtet das Militär unsere Familien als eine Sicherheitsbedrohung. Es ist sehr schwer für unsere Frauen, Kinder und erweiterten Familien, uns zu besuchen. Mein Freund Adeeb Abu Rahmah, auch ein politischer Gefangener aus Bil’in, kann keine Besuche von seiner Frau und einer seiner Töchter empfangen. Sogar seine Mutter, eine Frau in ihren 80ern, die ständig bei schlechter Gesundheit ist, wird als eine Gefahr für die Sicherheit angesehen. Er hat Angst, sie nicht mehr zu sehen bevor sie stirbt.
Ich bin Lehrer und vor meiner Verhaftung lehrte ich an einer Privatschule in Birzeit und besaß auch eine Hühnerfarm. Meine Familie musste die Farm mit Einbußen verkaufen nachdem ich verhaftet wurde. Ich weiß nicht, ob ich meine Stellung an der Schule wieder bekomme wenn ich freigelassen werde. Adeebs neunköpfige Familie ist ohne ihren einzigen Versorger, wie viele andere Familien. Nicht fähig zu sein, für unsere Lieben zu sorgen, die uns brauchen, ist das Schlimmste hier.
Es ist die Unterstützung von meiner Familie und meinen Freunden, die mir hilft, weiter zu machen. Ich bin der palästinensischen Leitung dankbar, die meine Familie kontaktiert hat, den Diplomaten der Europäischen Union und den israelischen Aktivisten, die ihre Unterstützung ausgedrückt haben, indem sie bei meiner Anhörung anwesend waren. Die Beziehung, die wir mit den Aktivisten aufgebaut haben, ist weit über eine Definition von Kollegen oder Freunden hinaus gegangen, wir sind Brüder und Schwestern im Kampf. Ihr seid eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und Solidarität. Ihr habt mit uns gestanden in Demonstrationen und Anhörungen vor Gericht, bei unseren glücklichsten und schmerzhaftesten Ereignissen. Im Gefängnis zu sein hat mir gezeigt, wie viele wahre Freunde ich habe, ich bin so dankbar für Euch alle.
Seit der Einschränkung durch meine Gefangennahme wird es so klar, dass unser Kampf viel größer ist als nur Gerechtigkeit für Bil’in oder sogar Palästina. Wir sind beteiligt an einem internationalen Kampf gegen Unterdrückung. Ich weiß, dass das wahr ist, wenn ich mich erinnere an Euch alle, von der ganzen Welt, die Ihr an der Bewegung teilgenommen habt, die Mauer und die Siedlungen zu stoppen. Normale Menschen, aufgebracht über die Besatzung, haben unseren Kampf zu ihrem gemacht und sind uns in Solidarität beigetreten. Wir werden uns sicher zusammentun zu einem Kampf für Gerechtigkeit an anderen Orten, wenn Palästina endlich frei ist.
Den fünften Jahrestag unseres Kampfes in Bil’in zu verpassen ist wie den Geburtstag einer meiner Kinder zu verpassen. In letzter Zeit denke ich oft an meinen Freund Bassem, dem letztes Jahr während einer gewaltfreien Demonstration das Leben genommen wurde, und wie sehr ich ihn vermisse. Trotz des Schmerzes um seinen Verlust und der Sehnsucht mit meiner Familie und meinen Freunden zu Hause zu sein, denke ich, wenn das der Preis ist, den wir für unsere Freiheit bezahlen müssen, dann ist es das wert und wir würden noch viel mehr zu zahlen bereit sein.

Euer Abdallah Abu Rahmah
Aus dem Ofer Militärhaft-Camp

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