«

»

Nordirland: Bloody Sunday: Vertuschung geht weiter

Von Eamonn McCann (für ‘Counterpunch’)

Am 15. Juni jährte sich zum ersten Mal die Veröffentlichung des Berichtes von Lord Saville über die Tötung von 13 Bürgerrechtlern durch Angehörige des Fallschirmjägerregiments während einer Demonstration in Derry 1972. Der Bericht belegt die Unschuld der Getöteten sowie der 13 Verwundeten. In einer Rede anlässlich der Vorstellung des Berichtes im britischen Unterhaus gab der britische Premierminister David Cameron, zu diesem Zeitpunkt erst einen Monat im Amt, zu, dass die Tötungen ‚ungerechtfertigt und nicht zu rechtfertigen’ waren und entschuldigte sich bei den Familien der Opfer.

Die unmissverständliche Formulierung der Entschuldigung wurde in Derry euphorisch begrüßt. Der Bericht, Camerons Rede und die Reaktionen auf die Rede wurden als ein Schlüsselmoment im sogenannten “Versöhnungs- und Heilungsprozess” in Irland gesehen. Aber das ist nicht die ganze Geschichte, glaubt man Eamonn McCann, Vorsitzender des Bloody Sunday Trust, der die Kampagne für die Einrichtung des Saville-Untersuchungsausschusses geführt hatte.

Die Anerkennung der Tatsache, dass die 13 Toten und 13 Verletzen des Bloody Sunday alle völlig unschuldig waren, durch den Saville-Bericht, löste in Derry spontanen Jubel aus. Die leuchtenden Gesichter der Menschenmenge, die sich am 15. Juni 2011 im Guildhall Square versammelte, um die Präsentation des Berichtes zu verfolgen, hätte einen Kontinent erleuchten können. Es war das Eingeständnis, auf das die Familien der Opfer während all der Jahre ihres Kampfes um die Wahrheit hingestrebt hatten, und zu diesem Zeitpunkt war es ausreichend.

Heute, ein Jahr später, sollte es möglich sein zu sagen, dass der Bericht alles andere als vollkommen war. Saville schiebt die Schuld den unteren Rängen im Fallschirmjägerregiments zu, während er die militärische Führung gänzlich freispricht, und jede mögliche Verantwortung politischer Führer für die Ereignisse kategorisch ausschließt.

Die Fallschirmjäger, die die tödlichen Schüsse abfeuerten, werden in dem Bericht zerrissen. Zusätzlich wird Oberstleutnant Derek Wilford, Kommandant des ersten Batallions des Fallschirmjägerregiments, für besondere Kritik ausgesondert. Sein Ungehorsam, behauptet Saville, sei dafür verantwortlich, dass die Schützen überhaupt in die Position gekommen seien, die tödlichen Schüsse abzugeben zu verüben; es sei Wilfords Unvermögen, sich an den Plan seiner Vorgesetzten zu halten, gewesen, das zu dem Massaker geführt habe, und nicht etwa der Plan selbst. Die Schlussfolgerung des Berichts lautet also, dass ein einzelner undisziplinierter Offizier mittleren Ranges und ein kleiner Trupp schießwütiger Fußsoldaten für alles verantwortlich sind.

So gesehen ist der Bericht, großartig wie er für die Familien war, auch kein schlechtes Ergebnis für die britische militärische und politische Elite.

Savilles Lob für die Rolle der höchstrangigen Beteiligten war wichtig für die Ansprache des Premierministers Cameron vor dem Unterhaus am Tag der Veröffentlichung. In dieser Bezeichnete er die Tötung und Verletzung von Menschen am Bloody Sunday als ‚ungerechtfertigt und nicht zu rechtfertigen’ – es wäre ihm schwergefallen, diese deutlichen Worte zu verwenden, wenn der Bericht etwa Generalmajor Robert Ford, Befehlshaber der Landstreitkräfte im Norden Irlands zu jener Zeit, als Verantwortlichen genannt hätte, oder aber General Sir Michael Jackson, an jenem Tag Wilfords Stellvertreter und später Generalstabschef, Großbritanniens höchstrangiger Soldat.

Saville legt Wilford im einzelnen Folgendes zur Last: dass er sich über Befehle hinweggesetzt habe, als er seine Männer in die Bogside schickte, um ‚Randalierer’ festzunehmen, obwohl die betroffenen Jugendlichen sich unter eine Masse friedlicher Demonstranten gemischt hatten; dass er zwei Fallschirmjägerkompanien geschickt hätte wo der Operationsplan nur eine autorisiert hatte; dass er eine der beiden Kompanien in gepanzerten Truppentransportern losgeschickt hätte anstatt wie geplant zu Fuß und schließlich, dass er zugelassen habe, dass sich eine ‚Schlacht entlang der Rossville Street’ entwickelt habe, obwohl die Befehle ein Vordringen in dieses Gebiet strikt untersagten.

Laut Saville sind es diese Pflichtverletzungen, kombiniert mit der Bereitschaft einiger der Männer unter Wilfords Kommando, tödliche Schüsse abzugeben, die genauesten Ursachen für den Bloody Sunday, die zu rekonstruieren möglich sind.

Sind das die einzigen Ursachen für das Massaker so gibt es aus den Ereignissen des Bloody Sunday nicht viele Lehren zu ziehen, zumindest keine von Bedeutung, über das Verhalten staatlicher Sicherheitskräfte in internen Konflikten, sei es in Großbritannien oder anderswo: „dafür sorgen, dass Befehle befolgt werden“, „Randalierer von anderen Demonstranten trennen bevor Greifkommandos losgeschickt werden“ und so weiter und so fort.

Es ist allerdings angebracht, zu überprüfen, ob das Geschehen vom Bloody Sunday nicht mehr und bedeutenderes aussagt beinhaltet als Saville bereit ist zuzulassen.

Es war Ford, der zweithöchste Militär nach dem Oberkommandierenden, der den ‚Schlachtplan’ für den Bloody Sunday, genannt „Operation Forecast“, erstellt hat und mit dem Befehlshaber des Heeres für Belfast, Brigadegeneral Frank Kitson, ausgemachte, dass das erste Batallion des Fallschirmjägerregiments für den Tag nach Derry ‚ausgeliehen’ wird, um den Plan umzusetzen.

In den Wochen vor dem Bloody Sunday hatte Ford keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr es ihn frustrierte, dass die Regimenter in Derry unfähig waren, die ‚No-go-area’ der Bogside unter Kontrolle zu bringen. In einem Dokument, veröffentlicht von der Untersuchungskommission am 7. Januar 1972, erklärte er, er sei ‚irritiert’ über die wie er meinte zu sanfte Herangehensweise der Militär- und Polizeiführung in Derry gegenüber der Bogside. Und er fügte hinzu: „Ich komme zu dem Schluss, dass das Minimum an Gewalt, das erforderlich ist, um Recht und Ordnung wiederherzustellen, beinhaltet, ausgewählte Anführer der jugendlichen ‚Hooligans’ in Derry zu erschießen.“

Sechs Tage vor dem Bloody Sunday wischte Ford Bedenken gegen den Einsatz der Fallschirmjäger in der Stadt seitens des Befehlshabers der Armee in Derry, Brigadegeneral Pat MacLellan, sowie der örtlichen Polizeichefs Frank Lagan beiseite. Er blieb dabei, auch als in der Folge andere hochrangige Militärs ihre Sorgen darüber zum Ausdruck brachten, was passieren würde, wenn Fallschirmjäger dazu eingesetzt würden, Jugendliche zu verhaften, die in mögliche Ausschreitungen nach dem Bürgerrechtsmarsch verwickelt sein würden. Ein Offizier hatte so starke Bedenken, dass er einen Bekannten in London anrief und versuchte, über ihn den Chef des Generalstabes, Sir Michael Carver dazu zu bringen, zu intervenieren.

Am Tag selbst kam Ford nach Derry, obwohl er keine operative Rolle inne hatte, und bezog eine Position am Rande der Bogside, von wo er rief: „Vorwärts Paras!“, als die Soldaten durch die Barrikaden stürmten, dem entgegen, was das ‚Schlachthof Rossville Street’ werden sollte. Ford war der ranghöchste anwesende Offizier.

Die Möglichkeit, dass Fords Entscheidungen im Vorfeld oder sein Verhalten am Tag selbst einen Einfluss darauf gehabt haben könnten, wie sich die Ereignisse entwickelten, wird von Saville direkt verworfen: Ford habe „weder wissen können noch an irgendeinem Punkt Grund zu der Annahme gehabt, dass seine Entscheidung dazu beitragen würde, dass Soldaten ungerechtfertigt das Feuer eröffnen würden.”

Im selben Kapitel geht Saville noch weiter in seiner Absolution der politischen und militärischen Führung: „Es wurde behauptet, dass die Verantwortlichen (die Britische und ‚Nordirische’ Regierung sowie die Armeeführung) in ihrer Behandlung der Sicherheitslage im Norden Irlands die ungerechtfertigte Anwendung tödlicher Gewalt tolerierten wenn nicht sogar förderten; und das dies die Ursache oder eine der Ursachen der Ereignisse des Bloody Sunday sei. Wir fanden aber keine Beweise für eine solche Toleranz oder Förderung.“

Zahlreiche Vorfälle im Laufe des Jahres davor legen aber nahe, dass solches Verhalten eben doch toleriert oder sogar ermutigt wurde. Die schwerwiegendsten Vorfälle hatten sich etwa sechs Monate vor dem Bloody Sunday ereignet, als Fallschirmjäger an der Ermordung von 11 unbewaffneten Zivilisten binnen drei Tagen in Ballymurphy, West- Belfast, beteiligt waren.

Zeitungen, vor allem nationalistische Zeitungen, veröffentlichten in jener Zeit regelmäßig Beschwerden Betroffener und kritische Kommentare über ungerechtfertigte Gewaltanwendung von Soldaten gegen Zivilisten. Das solches Verhalten toleriert wurde, konnte geschlossen werden nicht zuletzt aus der Tatsache, dass nie eine Untersuchung des Ballymurphy- Massakers durchgeführt und keiner der beteiligten Soldaten auch nur disziplinarisch belangt wurde; es erfolgte auch keine Entschuldigung oder ein Ausdruck des Bedauerns seitens der Verantwortlichen.

Savilles Schlussfolgerung dass es für eine “Kultur der Toleranz” illegaler Gewaltanwendung keine Beweise gäbe, wäre nicht weiter bemerkenswert, hätte er mit „Beweisen“ Zeugenaussagen gegenüber der Untersuchungskommission gemeint. Aber er hatte bereits ganz zu beginn beschlossen, vorangegangene Geschehnisse nicht in die Untersuchung mite in zu beziehen. Die Begründung war dabei gar nicht so abwegig – Vorfälle wie die in Ballymurphy im gleichen Detail zu untersuchen wie die des Bloody Sunday hätte die Arbeit der Kommission unmöglich gemacht. Aber die Aussage: „Wir haben keine Beweise gefunden…“ wird dadurch ad absurdum geführt – die Kommission hatte sich bewusst entschieden, nicht nach solchen Beweisen zu suchen.

Gerade Ford sollte sich bestens an die Verwicklung der Paras an die Ballymurphy- Morde erinnern können. Er kam in der ersten Augustwoche des Jahres 1971 im Norden an, um seine Stelle als Nummer 2 der militärischen Hierarchie anzutreten – wenige Tage vor der Einführung der Internierung ohne Gerichtsverfahren, welche die Proteste auslösten, die in den Todesfällen gipfelten. Das Ballymurphy- Massaker war gewissermaßen seine Feuertaufe, und es fällt schwer zu glauben, dass er diese bereits sechs Monate später schon vergessen haben soll. Aber Saville ist der Meinung, dass Ford weder wissen noch ahnen konnte, dass die Soldaten des selben Regiments, als er sie in die Bogside schickte, um gegen den Anti-Internierungsmarsch vorzugehen, ohne Grund das Feuer eröffnen könnten.

Es verwundert auch, dass Saville Jacksons Erklärungen bezüglich seiner Rolle bei der Erstellung einer „Shot list“, einer Auswertung der abgefeuerten Schüsse, akzeptiert, welche die Grundlage der späteren Aussagen der britischen militärischen und politischen Führung über die Geschehnisse bildet.

Jackson sagte 2003 in London aus, dass, obwohl er an diesem Tag in der Bogside in der Umgebung der Vorfälle war, kaum etwas davon gesehen hätte. Er gab nicht an, eine Aufstellung über die abgegebenen Schüsse angefertigt oder irgendeine andere Beschreibung der Ereignisse verfasst zu haben.

Aber nur einen Monat später kam eine andere Version der Ereignisse ans Licht der Öffentlichkeit, basierend auf den Aussagen von Major Ted Loden. Er beschrieb wie er am späten Nachmittag des Bloody Sunday Berichte der Schützen gesammelt und ihre Positionen auf einer Karte markiert hatte. Er hielt den Standort des Schützen sowie seines Ziels fest und notierte zudem die Begründung des jeweiligen Soldaten, warum er geschossen hatte – das Ziel sein scheinbar bewaffnet gewesen mit einem Gewehr oder einer Nagelbombe oder ähnliches. Loden sagte, er habe die Interviews in einem gepanzerten Fahrzeug durchgeführt, in der Clarence Avenue, wenige hundert Meter von der Rossville Street entfernt; die Karte auf dem Schoß, beleuchtet von einer Batteriebetriebenen Lampe. Er listete insgesamt 14 “Aktionen” auf.

Allerdings zeigte sich später, dass einige Dokumente Lodens, unter anderem das Original der “shot list”, nicht in seiner Handschrift sondern in der des heutigen Stabschefs Michael Jackson verfasst wurden. „Wie ist das zu erklären?“, wurde Loden gefragt. Seine Antwort: „Diese Frage kann ich nicht beantworten.“

Keiner der Schüsse die in der Liste aufgeführt wurden, stimmt mit einem der Schüsse überein, die basierend auf dem Beweißmaterial rekonstruiert wurden. Bei einigen hätte die Kugel um der behaupteten Flugbahn zu folgen Gebäude durchqueren müssen, um ihre Ziele zu finden.

Weitere Dokumente in Jacksons Handschrift waren die persönlichen Berichte von Wilford, drei Kompaniechefs der Fallschirmjäger und des Nachrichtendienstoffiziers des Battalions. In keinem Bericht ist von den besagten Interviews die Rede – genauso wenig wie Jackson bei seiner Aussage im April davon sprach.

Als er im Oktober noch mal vor den Ausschuss geladen wurde, erklärte Jackson, er habe die Dokumente vergessen als er das erste Mal aussagte, habe sich aber wieder „vage daran erinnert“, als er erfahren habe, dass die dem Ausschuss vorgelegt und Loden zugeschrieben worden sein.

Im Verlauf der Befragung schien Jackson weiterhin von Gedächtnislücken geplagt, mehr als 20 Mal verwendete er Phrasen wie „ich kann mich nicht erinnern“, „ich weiß nicht mehr“ oder „ich erinnere mich nur sehr vage“.

Saville löst diesen Widerspruch auf in dem er sowohl Lodens Behauptung akzeptiert, dass er die “shot list” geschrieben habe wie auch Jacksons Erklärung, er habe wohl Lodens Schrieb kopiert, könne sich aber nicht mehr erinnern, wieso er das getan habe oder unter welchen Umständen es passiert sei. Lodens Originalliste wurde nie gefunden.

Saville weißt die Anschuldigung zurück, die Liste habe eine Rolle gespielt in einem „Versuch, zu vertuschen, dass mehrere unschuldige Zivilisten von der 1./ Fallschirmjäger getötet worden seien.“ „Wie eine solche Verschwörung funktioniert haben könnte, ist nicht ganz klar“, so Saville.

Nach dieser Erklärung fährt er fort: „Die Liste spielte eine Rolle in der Erklärung der Ereignisse des Tages durch die britische Armee.“ Er verweißt auf ein Interview im BBC Radio um 1 Uhr nachts am Tag dem Bloody Sunday. In diesem verwendet der PR- Verantwortliche der britischen Armee im Norden, Maurice Tugwell, die Liste als Basis für seine Erklärung der „Vorfälle“.

An anderer Stelle findet Saville heraus, Informationen von der Liste seien am 1. Februar 1972 im Unterhaus vom damaligen Verteidigungsminister Lord Balniel verwendet worden, als er die Handlungen der Soldaten verteidigt habe.

(Die “shot list” wurde auch an britische diplomatische Vertretungen in aller Welt geschickt, als Hilfe bei der Beantwortung von Fragen zu dem Massaker.)

Saville vermeidet den Schluss, dass wir hier nicht zur Beweise für eine Verschwörung zur Vertuschung der Wahrheit über die Todesfälle haben, sondern mehr noch Zeugnisse von der aktiven Umsetzung der Verschwörung, mit Michael Jackson direkt im Zentrum.

Wäre Saville zu diesem Ergebnis gelangt, wäre das Netz von Lügen aufgeflogen, dass Jackson gesponnen hatte um die ungerechtfertigten und nicht zu rechtfertigenden Tötungen zu vertuschen. Und Cameron hätte unter diesen Umständen seine Rede vor dem Unterhaus nicht halten können, die hochgelobt wurde als ein großer Schritt zur Versöhnung in Irland. Um die Rede halten zu können, musste die Wahrheit zurechtgebogen werden.

Die Reaktion der Familien auf Savilles deutliche Richtigstellung des Andenkens ihrer ermordeten Angehörigen war ebenso mitreißend wie verständlich positiv. Ob andere Untersuchungsergebnisse des Tribunals dem Test der Zeit standhalten werden, ist fraglich.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://zusammenkaempfen.bplaced.net/2011/09/nordirland-bloody-sunday-vertuschung-geht-weiter/