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Solidarität mit Rojava – Solidarität mit der YPG/YPI und der PKK

In Syrien, Irak, Iran und in der Türkei kämpfen Kurd_innen seit Jahrzehnten für ein selbstbestimmtes Leben – ein Leben ohne Fremdherrschaft und Besatzungsterror.Ein Großteil Kurdistans erstreckt sich über Gebiete, die heute von Bürgerkriegen gekennzeichnet sind. In Rojava  (gesprochen: Rosch awa), dem kurdischen Teil Syriens, finden zur Zeit heftige Kämpfe zwischen den kurdischen YPG (Volksverteidigungseinheiten), Peschmerga (Streitkräfte der autonomen Region Kurdistans) und reaktionären Kräften der fundamentalistischen Gruppe Islamischer Staat (IS) statt. Die kurdische Stadt Kobanî liegt direkt an der Grenze zur Türkei und ist ein Kanton der kurdischen Autonomie. Überall im nördlichen Raum Syriens sind die Terrormilizen der IS aktiv. Auch in der arabisch-kurdischen Grenzstadt Tall Abyad ist die IS präsent, wo sie den offiziellen Grenzübergang in die Türkei kontrollieren. Seitdem wird Kobanî regelrecht belagert. Vor circa einem halben Jahr haben die IS-Milizen die komplette Stromversorgung gekappt und die Wasserversorgung sowie die elektrischen Pumpsysteme unterbrochen.Die Gesundheitslage ist schlecht, wenn nicht sogar kurz vor dem Kollaps. Das liegt nicht zuletzt auch an den mindestens zwei bis drei Millionen Flüchtlingen, die mit dem Ausbruch des Konfliktes in die drei kurdischen Kantone geflohen sind und diese zusätzlich an die Belastungsgrenze treiben. Nun soll Kobanî ebenfalls durch die IS erobert werden, damit dort gewaltsam ein Kalifat errichtet werden kann. Das wäre ein direkter Vorstoß in das Kernland der kurdischen Region. Würde Kobani fallen, müssten  hunderttausende Menschen wiederum in die Türkei fliehen, um  Mord, Verfolgung und Unterdrückung zu entkommen. Aber der Widerstand wird permanent organisiert. Neben kurdischen Einheiten gibt es auch regionale Gruppen, unter anderem von der Freien Syrischen Armee, oder kleine christliche Milizen, welche sich mit der kurdischen Selbstverteidigung zu einem gemeinsamen Kommando zusammengeschlossen haben  Die kurdische Verwaltung von Kobanî hat angesichts der Bedrohung  eine breite Mobilmachung begonnen. Sehr viele junge Frauen und Männer melden sich freiwillig bei den kurdischen Frauen-YPJ und gemischten YPG-Selbstverteidigungseinheiten. Viele kurdische Jugendliche kommen auch aus der Türkei und Europa, um gegen die Islamisten zu kämpfen.Vor kurzem haben hunderte Demonstrant_innen in einer nächtlichen Aktion den türkischen Grenzzaun niedergerissen, um die Blockade von Kobanî zu beenden und ihre Solidarität zu zeigen. Für viele Kurden ist Rojava ein praktischer Ansatz für den Kampf um die Zukunft eines selbstbestimmten Kurdistans. Auch im benachbarten Irak müssen Kurden_innen um ihr Überleben kämpfen. Die Marionettenregierung in Bagdad forciert das IS-Kalifat. Die ausgrenzende Machtpolitik der Schiitischen Elite im Irak wiegelt die Menschen unter dem Deckmantel der Religion gegeneinander auf und verschafft damit den sunitischen IS-Milizen eine Legitimation für ihre reaktionäre Politik. Mit dem erstarken der Islamischen Milizen geht auch die Verfolgung religiöser und ethnischer Minderheiten einher.

Aktuelles Beispiel dafür ist die Vertreibung der Jesiden, einer kurdischen religiösen Minderheit, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete neben Syrien, Türkei und Iran auch im nördlichen Irak liegen.Ein Großteil der dort lebenden Menschen ist jesidischen Glaubens. Im Irak drangen Milizen der IS vor kurzem in die Siedlungsgebiete der jesidischen Kurd_innen in Shingal ein. Knapp 50.000 Jesiden aus Mosul und der Umgebung sind daraufhin in das kurdische Gebiet um Erbil sowie in das Sindschar-Gebirge geflohen. Die Meldungen der Flüchtlinge waren erschreckend, sie hatten kein Wasser und keine Nahrungsmittel. Vor allem Kinder und alte Menschen verdursteten oder starben an Schwäche. Nur durch das Eingreifen von Guerillagruppen der PKK konnten die Menschen gerettet werden. Aber auch andere verfolgte Minderheiten finden in den kurdisch-kontrollierten Gebieten  Schutz vor Mord und Vertreibung. Auch wenn kurdische Einheiten versuchen, das Gebiet und die Menschen zu schützen, ist die humanitäre Katastrophe unermesslich groß.

Naher Osten – Ein  Schlachtfeld der Imperialisten

Die Politik der USA im Irak traf früh auf einen starken Widerstand. Um sich trotz des Widerstandes behaupten und die eigenen Vorstellungen in dieser Region durchsetzen zu können, hat der US-Imperialismus nicht davor zurückgeschreckt, einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Verschiedene  Großmächte versuchen seit Jahren auf dem zerfallenden Gebilde des kolonialen Nachlasses im Irak und Syrien eigene Machtsphären zu sichern und auszubauen. Dabei geht es vordergründig nicht um Religionszugehörigkeiten, wie es in den Medien gern vermittelt wird, sondern einzig und allein um Machtinteressen.In diesem Zusammenhang muss die Unterstützung des Nato-Partners Türkei für die IS betrachtet werden. Die Türkei ist an der Destabilisierung des Nachbarn Syrien und an der Zerschlagung der Autonomiebestrebungen der Kurden interessiert. Seit langem ist bekannt, dass  Gruppen wie Al Nusra (Al Kaida) oder IS über die Türkei nach Syrien und Irak geschleust wurden. Ebenfalls bekannt ist, dass verletzte IS-Kommandeure in türkischen Krankenhäusern gepflegt werden. Türkische Oppositionspolitiker sagen, dass die Türkei 800 Millionen Dollar an Islamisten der IS gezahlt hat, um Öllieferungen zu sichern. Ebenfalls wurden im Internet Informationen veröffentlicht, die besagen, dass türkische Soldaten die IS-Kämpfer ausbilden. Aber auch die sunnitischen Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien,  Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate, finanzieren und unterstützen die IS und die sunnitische Islamisten in Syrien und Irak. Die Stärke der IS-Milizen und der Zuspruch, den sie im Irak fanden, gründet sich hauptsächlich auf der Machtpolitik schiitischer Politiker, welche nach dem Fall des sunnitischen Baath-Regimes um Saddam Hussein von den USA (und seinen Verbündeten) installiert wurde. Zusätzlich gibt es eine starke Einflussnahme  durch den Iran. Das hat langfristig die baathistisch-sunnitische Oppositionen bestärkt. Es entstand eine Einheit von Ex-Generälen der Baath- Partei und der IS, welche vor einigen Monaten zusammen  nach Bagdad vorrückten. Es kann festgestellt werden, dass es verschiedenen Machtblöcken um eine Aufteilung der Region geht. Die Türkei versucht mit Hilfe verbündeter Golfstaaten wie Saudi- Arabien und Kuweit seine Machtvorstellungen eines neuen osmanischen Reiches mit Türkischer Dominanz  im arabischen Raum voranzutreiben. Dabei setzt die Türkei natürlich auch auf NATO-Partner wie Deutschland, welche neben militärischer Bündnisarbeit  innerhalb der NATO (z.B. durch Stationierung von Patriot Raketen ) auch Panzer und Aufstandsbekämpfungsmittel nach Saudi-Arabien oder Kuweit und Katar liefern.

 All das bedeutet aber keine Einheit imperialer Großmächte, welche auch immer eigene, teilweise konträre Ziele verfolgen. Innerhalb der kurdischen Bewegung setzten Imperialisten auf sektiererische Kräfte, um die Einheit der Kurden zu brechen. Masud Barzani (KDP), gewählter Präsident der Autonomen Region Kurdistan im irakischen Staatsverband, aber auch  Handlanger der  Imperialisten, verhängte zusammen mit der Türkei  ein  Hungerembargo gegen Rojava. Außerdem versucht Barzani unter anderem durch Sabotage eine  Destabilisierung der Selbstverwaltung im syrischen Teil zu befördern. Barzani ist der direkte Gegenspieler des PKK-Chefs Abdullah Öcalan   im Anspruch um die  politische Ausrichtung der kurdische Autonomiebestrebung. Das ist ein Hauptgrund, warum er  dem  syrischen PKK-Ableger der PYD eher  kritisch gegenübersteht und ihn als Machtrisiko betrachtet. Zynischer Ausdruck dieser Herrschaftspolitik ist ein Befehl Barazins, den er vor kurzem ausgab. Er befahl „seinen“ Peschmerga, aus Shingal  abzuziehen. Wohl wissend, dass unter anderem die Jesiden damit schutzlos den IS Islamisten ausgeliefert sind. Das war offensichtlich ein politischer Schachzug Barzanis, um von den USA eine Aufrüstung seiner  Peschmerga einfordern zu können.  Am 11. August 2014 stimmte die USA der Aufrüstung  der irakischen Kurden-Milizen unter Barzani zu. Eine Reihe von Peschmerga – hauptsächlich aus den Reihen der mit der KDP konkurrierenden Patriotischen Union Kurdistans (PUK) – verweigerten allerdings den Rückzugsbefehl. Gemeinsam mit Guerillakämpfern der PKK, den Volksverteidigungseinheiten YPG/YPI aus Rojava sowie den aus jungen Jesiden gebildeten Shingal-Verteidigungseinheiten kämpfen sie nun gegen die IS. Barzani und sein Herrschafts-Clan werden versuchen, in der instabilen Situation im Irak durch ihre Kooperation mit den Imperialisten ihre Machtstellung auszubauen. Doch eine wirklich repräsentative Perspektive für alle Kurden_innen ist offensichtlich nicht das Ziel seiner Politik.

 Solidarität mit Rojava

Die  kurdische Revolution begann am 19. Juli 2012 in Rojava. Seitdem wird am Aufbau einer demokratischen Selbstverwaltung gearbeitet. In Rojava werden Ansätze direkter Demokratie  angestrebt. Es entsteht ein  demokratisches Rätesystem, das sich am „Demokratischen Konföderalismus” des PKK-Chefs Abdullah Öcalan orientiert. Und auch wirklich praktiziert wird. Es gibt lokale Räte- und Basisstrukturen, wo gemeinsam Entscheidungen getroffen und Differenzen diskutiert werden. Während der letzten Jahre haben sich Stadtteilräte, Frauenräte und Kulturräte entwickelt. Das Ziel ist, dass die Bevölkerung sich selbstorganisiert um ihre Angelegenheiten  kümmert. Sogar einige der Ölquellen im kurdischen Siedlungsgebiet stehen unter der Kontrolle des kurdischen Hohen Rats. Eines der grundlegenden Elemente dieses Systems war aber auch die Bildung einer eigenen Verteidigungskraft. Die Organisation der Selbstverteidigung begann nach dem Qamishlo-Massaker vom 12. März 2004, bei dem das syrische Regime bis zu 40 Kurdinnen und Kurden ermordete. Die YPG wurde 2011 gegründet, aber erst nach der Revolution vom 19. Juli 2012 offiziell. Frauen, die seit der Gründung der YPG eine aktive Rolle gespielt haben, begannen sich selbst zu organisieren und gründeten ihre eigene autonome Einheit. Selbstverteidigungs-Einheiten, die nur aus Frauen bestehen, wurden in den Städten Kobanê, Dirbêsiyê, Qamişlo, Dêrik und Efrin gebildet. Im Jahr 2013 wurde die Gründung der YPJ offiziell verkündet. Fortschrittlich in Bezug auf die Frauenfrage zeigen sich  die Kurden in  Rojava (und der Türkei ) schon immer.  Frauenrechte werden gestärkt und eingefordert. Die Viel-Ehe wurde verboten, Frauen können sich  scheiden lassen und haben wie Männer einen Rechtsanspruch. So kämpfen Frauen genauso wie die Männer in den Bergen und besitzen auch sonst die gleichen Rechte. Für die Menschen dort ist die Befreiung  der Kurden_innen und die der Frau nicht voneinander zu trennen. Ganz anders sieht das hingegen im  konservativen, kurdischen Nordirak aus, wo eher rückständige Vorstellungen dominieren. Rojava ist nicht nur ein fortschrittliches Projekt der kurdischen Unabhängigkeitsbewegung, es ist auch ein Schutzraum der unterschiedlichen Religionen. Rojava ist eine multikonfessionelle Gesellschaft. Hier leben sunnitisch-muslimische Kurd_innen, mit schiitischen, jesidischen, christlich-aramäischen und orthodoxen Religionsgruppen friedlich zusammen. Die Verwaltung Rojavas repräsentiert die multiethnische Bevölkerung Nordsyriens und besteht deswegen jeweils aus einem kurdischen, arabischen und christlichen-assyrischen Minister pro Ministerium. Anfang des Jahres 2014  riefen die Kantone schließlich eine demokratische Autonomie aus. Damit ist Rojava ein Vorbild für alle revolutionären Kräfte – nicht nur in der kurdischen Region.

Unterstützen wir den Kampf der Kurden_innen  um ihre Selbstbestimmung:

 Solidarität mit Rojava! Solidarität mit der YPG/YPI und der PKK im Kampf gegen Imperialismus und Fremdherrschaft! Gegen das PKK-Verbot und die Kriminalisierung kurdischer Organisationen in Deutschland!  

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