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Am Tage danach

Gauck und das Auschwitz-Gedenken
von Kurt Pätzold

In diesen Winter- und Frühjahrsmonaten des Jahres 2015 vergeht kaum ein Tag, der uns nicht an die Ereignisse von vor 70 Jahren erinnern könnte, an die Schlachten zur endgültigen Zerschlagung der deutschen Militärmacht und an die Befreiung von Millionen Menschen, die in die Hände der Welteroberer gefallen waren, viele soeben noch dem Tode entkommen. Kein Tag birgt eine grausigere Erinnerung, als sie der 27. Januar aufkommen lässt, als die sowjetische Armee Auschwitz erreichte, obwohl sich nahe der westpolnischen Stadt nicht das erste Konzentrations- und Vernichtungslager befand, bis zu dem sie westwärts vorgestoßen war. Schon 1944 eroberte sie Lublin und gelangte in dessen Umgebung auf das Gebiet des Lagers Majdanek. Journalisten vieler Staaten begaben sich darauf an den Ort mit der Gaskammer und dem Verbrennungsofen, den langen Reihen von Baracken, manche gefüllt mit der Habe der Getöteten. Darin auch die »Kinderschuhe aus Lublin«, so der Titel eines Gedichts von Johannes R. Becher, das in jedes deutsche Schullesebuch gehört. Damals wurde weltweit bekannt, was bis dahin nur aus den Berichten einzelner Geflohener und auf geheimdienstlichen Wegen zu erfahren und vielen unglaubwürdig gewesen war.
Die Staatsrede zu diesem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat der Bundespräsident gehalten und in ihr eine »Reflexion« über die Geschichte der Menschheit im allgemeinen, über das »Menschenmögliche« und über die Geschichte der Deutschen im besonderen geboten. Er hat, wie in der Publizistik hierzulande üblich, die Ursachen des Massenmordens ausschließlich in Hass und Wahn erblickt, sie einzig ideologischen und mentalen Ursachen zugeordnet. Es ist ihm eine Kleinigkeit dabei entgangen: Das historisch beispiellose Verbrechen hat in einem Krieg stattgefunden, und es sind der Plan und der Entschluss dazu erst im Verlauf des Krieges gefasst worden und darauf 1941 die Befehle an die Mörderschwadronen ergangen. Diese Entschlussfindung war in den achtziger Jahren übrigens Gegenstand einer erstklassig besetzten internationalen Konferenz in Stuttgart, um deren Zustandekommen sich die Historiker Eberhard Jäckel und Jürgen Rohwer besonders verdient gemacht haben.
Mindestens seitdem muss auch in der Bundesrepublik jeder, der die Voraussetzungen, Bedingungen und Ziele dieses Mordens zu erklären sucht, vom Kriege reden. Von welchem? Einem imperialistischen, begonnen und geführt mit weltweiten Expansionszielen und der Vorstellung, dass die Eroberer entscheiden würden, wem sie in ihrem Herrschaftsbereich das Lebensrecht zubilligen und wem sie es entziehen werden. Die Liste derer, für die letzteres galt, war lang. Sie wäre, würde das Vorhaben geglückt sein, mit Sicherheit länger geworden. Auf ihr standen die Juden oben an, von denen auch kein »Rest« bleiben sollte, gefolgt von den Sinti und Roma, von Millionen Angehörigen verschiedener slawischer Nationen. Mit dem Auslöschen dieser Gruppen, störend überflüssig unter dem Blickwinkel des Herrschens wie der Ausbeutung, wurde bereits während des Krieges begonnen.

Warum schweigt ein einstiger vieljähriger Bürger der DDR, der über diesen Zusammenhang von Kriegsziel und Massenmord sich in Schulbüchern unterrichten konnte und nicht zu irgendwelchen Untergrundliteratur greifen musste, darüber? Warum vermag er sich der Ergebnisse der Befragungen nicht zu erinnern, die nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik vorgenommen wurden und in denen danach geforscht wurde, wie die einen und die anderen über deutsche Vergangenheit dachten, ja, was sie von ihr überhaupt wussten? Warum sind ihm, angefangen von dem in Potsdam-Babelsberg gedrehten Film »Ehe im Schatten« und der zur Wiedereröffnung der Theater in mehreren ostdeutschen Städten gezeigten »Nathan«-Aufführung, alle Leistungen der ostdeutschen Kultur im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus entfallen? Warum hat er, wenn er daran schon selbst keine Erinnerung besitzt, seine Mitarbeiter nicht beauftragt, nach jenen einstigen Auschwitz-Häftlingen zu fahnden, die in der DDR sofort nach der Befreiung leitende Funktionen übernahmen und sich Verantwortung aufluden? Er wäre auf den Mannheimer jüdischen Kommunisten Stefan Heymann gestoßen, der eine bescheidene, aber bis heute anregend lesbare Broschüre über Marxismus und Antisemitismus vorlegte, eine der frühesten Veröffentlichungen, mit denen im Osten begann, was im Westen »Reeducation« hieß. Oder auf den aus dem Ruhrgebiet stammenden Kurt Goldstein und manche andere.
In DDR-Zeiten gab es während der achtziger Jahre eine zentrale Gedenkveranstaltung an einem »Auschwitz-Tag« in der Stadthalle in Dresden. An ihr nahm auch ein Abgesandter des Jüdischen Weltkongresses teil und ergriff das Wort. Dem Sinne nach sagte er, es wären Juden in der geringen Zahl, in der sie überlebten, den Mördern nicht entkommen, wenn die Rote Armee bei ihrem Ansturm nicht jenes Tempo erreicht hätte, das sie schließlich auch nach Auschwitz führte. Dafür sind Hunderttausende gestorben. Dieser Tag in Dresden und diese Worte fielen mir wieder ein, als der Bundespräsident von 215 Soldaten sprach, die bei der Befreiung des Lagers umgekommen seien.

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