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Mahmud Darwisch – Nomadische Biographie

Zum Tod des palästinensischen Lyrikers und Journalisten Mahmud Darwisch
Karin Leukefeld / junge Welt vom 12.8.08

Als sich 2004 die Frankfurter Buchmesse dem Thema »Arabische Welt« widmete, stellte man für Mahmud Darwisch nur ein kleines Zelt bereit, in dem er lesen konnte. Schon Stunden vor Beginn der Lesungen bildeten sich lange Schlangen vor dem Eingang, und jedes Mal gab es viele Enttäuschte, die keinen Platz mehr fanden. »In Deutschland versteht man die Bedeutung dieses Dichters nicht«, stellte ein Zuhörer fest. Die wenigen Bücher mit seinen Gedichten wurden in kleinen Verlagen veröffentlicht, die Übersetzungen mit Landesmitteln oder aus Stiftungen bezuschußt, für die man sich auf den ersten Seiten artig bedankt.

Mahmud Darwisch hat den Palästinensern eine Stimme gegeben, wie es keine politische oder militärische Führungsfigur jemals vermochte. »Er ist der Spiegel des palästinensischen Lebens«, sagt Ali Qleibo, palästinensischer Anthropologe an der Al-Quds-Universität in Jerusalem. »Er ist das Wesen unseres palästinensischen Seins«, meint die palästinensische Parlamentsabgeordnete Hanan Aschrawi. »Seine Lyrik legt Zeugnis ab«, sagt einer seiner Übersetzer, Ibrahim Muhawi.

Mahmud Darwisch, Dichter und Journalist, Kommunist und Vertriebener, wurde 1941 als Kind einer sunnitisch-muslimischen Familie in Barweh, in Galiläa geboren. Seine Biographie spiegelt das nomadenhafte Leben vieler Palästinenser wider: Im Zuge der Nakba, der Vertreibung 1948, mußte seine Familie Barweh verlassen, das Dorf wurde später eine jüdische Siedlung. Darwisch studierte in Haifa, wurde Journalist und trat 1961 der Israelischen Kommunistischen Partei bei. Er wurde verfolgt, angeklagt und ins Gefängnis gesteckt. Er studierte in Moskau, verließ Israel und ging nach Beirut, wo er für die PLO arbeitete. 1982 marschierte Israel im Libanon ein, die PLO war gezwungen, das Land zu verlassen, Darwisch ging nach Zypern. In den folgenden Jahren lebte er in Tunesien, Jordanien und Frankreich, kehrte schließlich nach Palästina zurück, nach Ramallah in der Westbank. 1988 verfaßte Darwisch die offizielle palästinensische Unabhängigkeitserklärung, seinen Posten im Exekutivrat der PLO (1987–1993) gab er aus Protest gegen das Oslo-Abkommen 1994/95 zurück. Ein Antrag des israelischen Bildungsministers Yossi Sarid im Jahr 2000, Gedichte von Mahmud Darwisch ins israelische Curriculum aufzunehmen, wurde von der Regierung Ehud Barak abgewiesen. Darwisch kritisierte die israelische Besatzung ebenso scharf wie in den letzten Jahren die palästinensische Führung. Als es 2007 zu Kämpfen zwischen Fatah und Hamas kam, warf er deren Führungen vor, »die Palästinenser aufzurufen, in den Straßen Selbstmord zu begehen«.

Schon in jungen Jahren schrieb Darwisch seine ersten Gedichte, rasch wurde er einer der wichtigsten Dichter des palästinensischen Widerstandes. Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang, seine Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt. Das Exil, die Sehnsucht nach Rückkehr in die Heimat, Wut und Zorn über die israelische Besatzung und das Schweigen der Welt waren der Stoff, aus dem Darwischs Gedichte entstanden. Manche, wie »Vögel von Galiläa« und »Ich sehne mich nach dem Brot meiner Mutter« wurden vertont und von Generationen von Palästinensern – und ihren Freunden in anderen Ländern – zu Hymnen gemacht. »Ein Gedächtnis für das Vergessen« beschreibt die israelische Belagerung Beiruts (1982), als israelische Kampfjets und Panzer die Stadt einen Monat lang fast ständig bombardierten. Noch heute können nicht nur Palästinenser, sondern auch viele Libanesen, die an der Seite der PLO kämpften, jede Zeile des Stückes vortragen.

Mahmud Darwisch lebte für Einheit und Gerechtigkeit in Tat und Wort. Seine Worte waren klar, seine Bilder eindringlich. Sein Herz, mit dem er Zeile um Zeile über Leben und Tod, Hoffnung und Niederlage, Heimat und Exil der Palästinenser schrieb, war seine Kraft und gleichzeitig sein schwacher Punkt. Zweimal war er schon am Herzen operiert worden, Anfang August brach er zur dritten Operation in die USA auf. Falls etwas schiefgehen sollte, so hatte er seinen engsten Freunden gesagt, wolle er nicht reanimiert werden. Am Sonnabend starb Mahmud Darwisch in einem Krankenhaus in Houston, Texas an Komplikationen nach der Operation.

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